Politik : Dammbruch oder Chance?

Markus Feldenkirchen

Die Forscher der US-Firma Advanced Cell Technology haben nicht nur einen menschlichen Embryo im Frühstadium geklont, sondern auch die deutsche Debatte über die umstrittene Methode angefacht. Eine breite Mehrheit der Abgeordneten von SPD, Grünen, CDU und CSU sieht im therapeutischen Klonen einen Dammbruch und will das Verfahren in Deutschland niemals zulassen. Allerdings werden auch Forderungen laut, sich die Option offen zu halten, die Methode zu einem späteren Zeitpunkt hier anzuwenden.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Beim therapeutischen Klonen wird einer entkernten Eizelle die Erbsubstanz einer Hautzelle eingesetzt. Mit diesem Verfahren verbinden Wissenschaftler die Hoffnung, embryonale Stammzellen (ES-Zellen) zu gewinnen, die dem Hautzellenspender quasi als Ersatzteillager dienen könnten. Bei dieser Methode werde menschliches Leben instrumentalisiert, weil es erst gezeugt werde, um es später zu vernichten, fasst die Grünen-Politikerin Andrea Fischer die Hauptkritik am therapeutischen Klonen zusammen. Fischer sieht auch die Gefahr, dass die Wissenschaftler nach dem zurzeit diskutierten Import der Stammzellen bald die Zulassung des therapeutischen Klonens verlangten. Sie glaube nicht so ganz an die Fähigkeit zur Selbstbeschränkung bei den Forschern, sagte die Politikerin dem Tagesspiegel.

Dem CDU-Abgeordneten Peter Hintze hingegen kam die Meldung aus den USA gerade recht, um erneut zu fordern: "Wir dürfen das therapeutische Klonen nicht verteufeln, auch wenn dessen medizinische Erfolgsaussicht noch ungewiss ist." Moralisch sei die Verwendung von Embryonen zur Gewinnung menschlicher Stammzellen eher zu hinterfragen als die Stammzellgewinnung beim therapeutischen Klonen, sagte Hintze dem Tagesspiegel. "Jeder Mensch war einmal ein Embryo, kein Mensch war eine reprogrammierte Hautzelle." Anders als viele Teilnehmer der Gentechnik-Debatte sieht Hintze im therapeutischen Klonen nicht den Untergang des Abendlandes: "Es ist seit der Aufklärung abendländische Tradition gewesen, dass der Mensch kraft seiner Vernunft Naturzwänge überwindet." Im Übrigen stört Hintze die "Begriffsverwirrung" um die umstrittene Methode. Es gehe dabei nicht um das Klonen von Menschen, sondern um die "Reprogrammierung von somatischen Zellen" zu Stammzellen. Das reproduktive Klonen lehnt auch Hintze ab.

Offiziell bleiben Hintze und der saarländische SPD-Vorsitzende Heiko Maas bislang die einzigen deutschen Politiker mit zumindest durchschnittlichem Bekanntheitsgrad, die sich mit ihrer Außenseiter-Position an die Öffentlichkeit wagen - außerhalb der FDP, versteht sich. Denn die Liberalen wollen die Tür zum therapeutischen Klonen unbedingt offen halten. Nach einigen Jahren der Grundlagenforschung an ES-Zellen in Deutschland müsse die Politik erneut entscheiden, sagt FDP-Genexpertin Ulrike Flach: Wolle man dann mit Hilfe dieser Zellen Krankheiten therapieren, müsse auch das therapeutische Klonen erlaubt werden.

Doch zunächst muss der Bundestag eine andere Frage beantworten: Dürfen deutsche Forscher überzählige ES-Zellen aus dem Ausland importieren und daran forschen? Nach der Enquete-Kommission des Bundestages will am Donnerstag auch der Nationale Ethikrat seine Stellungnahme zu dieser Frage abgeben. Wie der Tagesspiegel aus Ratskreisen erfuhr, wird sich wahrscheinlich eine knappe Mehrheit im Gremium für den Import aussprechen - wenn auch mit strikten Auflagen.

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