Politik : Dann macht doch rüber

Thüringer Grummeln über Gebietsreformpläne.

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Erfurt - Mehrere Thüringer Landräte drohen, mit ihren Landkreisen das Bundesland zu verlassen. Sie reagieren damit auf Vorschläge einer von der schwarz-roten Landesregierung eingesetzten Expertenkommission für eine neue Gebietsreform. Statt 17 Landkreisen soll es nur noch acht geben. Die Zahl der kreisfreien Städte soll von sechs auf zwei sinken. Vor allem in Regionen an der Landesgrenze macht sich eine Stimmung wie zu DDR- Zeiten breit: Man will wieder „rübermachen“. So liebäugelt das Eichsfeld mit einem Wechsel nach Niedersachsen. Sonneberg und Hildburghausen, zwei Kreise im Thüringer Wald, möchten nach Bayern. Und selbst im Osten des Freistaats, in Altenburg oder Greiz, schaut man mit einer gewissen Sehnsucht nach Sachsen.

„Wenn solche Großkreise wirklich kommen sollten, dann wird man eine Diskussion über einen Bundesland-Wechsel nicht aufhalten können“, sagt der Hildburghäuser Landrat Thomas Müller (CDU). Der parteilose Oberbürgermeister von Suhl, Jens Triebel, mahnt: „Das ist mehr als Kettenrasseln, das man in der Karnevalszeit lächelnd übergehen kann.“

Wechselgelüste sind nicht neu. Immer wenn sich die Peripherie aus der Hauptstadt Erfurt gegängelt oder benachteiligt fühlt, tauchen sie auf. Jetzt offenbart sich aber ein grundsätzlicher Frust: „Die Fundamente des Zusammenhalts in diesem Bundesland sind massiv am Bröckeln auch ohne Gebietsreform“, wird Triebel in der Zeitung „Freies Wort“ zitiert.

Dass Landkreise zudem mehr sind als bloße Verwaltungseinheiten, belegen die leidenschaftlichen Leserkommentare. Schon 1994 bei der ersten Gebietsreform gingen in Sonneberg und Hildburghausen zehntausend Bürger auf die Straße. Damals stemmten sie sich erfolgreich gegen den Zusammenschluss der beiden Nachbarkreise, der von der Expertenkommission jetzt erneut vorgeschlagen wird.

Welcher Region man sich zugehörig fühlt, macht die Sonneberger Landrätin Christine Zitzmann (CDU) deutlich: „Wir sind schon immer Franken gewesen und bleiben auch Franken.“ Dort hätte man gegen einen Wechsel auch gar nichts einzuwenden: „Immer, wenn Franken größer wird, ist das ein gutes Signal. Unsere Tür steht auf jeden Fall offen“, sagt Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU), der aus Franken stammt.

Die Hürden für den Wechsel eines Landkreises in ein anderes Bundesland sind hoch, aber nicht unüberwindbar. Solange Thüringen existiert, dürfte es dafür aber keine Mehrheit im Erfurter Landtag geben. Die große Koalition ist gespalten. Während die SPD größere Landkreise unterstützt, ist Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) strikt dagegen. Die CDU-Fraktion im Landtag fühlt sich geradezu als Gralshüterin Thüringer Identität. Dass es ihr auch darum gehen könnte, Macht und Einfluss ihrer Landräte zu bewahren, weist sie freilich weit von sich. Eike Kellermann

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