• Darf man Schwachen mehr zumuten, Herr Generalvikar? Der Kölner Bistums-Manager Feldhoff über Geld und Glaubwürdigkeit

Politik : Darf man Schwachen mehr zumuten, Herr Generalvikar? Der Kölner Bistums-Manager Feldhoff über Geld und Glaubwürdigkeit

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Die Reformen in Deutschland greifen nicht, die Arbeitslosenzahlen steigen. Dreh und Angelpunkt der katholischen Soziallehre ist die Arbeit. Was kann die Kirche dazu beitragen, dass mehr Menschen Arbeit finden?

Die Kirche ist ein großer Arbeitgeber und hat als solcher auch soziale Verpflichtungen. Aber es ist nicht der Auftrag der Kirche, Arbeitsplätze zu schaffen. Dazu haben wir auch nicht die Kraft. Die katholische Kirche in Deutschland hat zwar im Vergleich zu allen anderen europäischen Kirchen überproportional viele Arbeitsplätze. Aber Arbeitsplätze sind ein Nebenprodukt, nie der Kern des kirchlichen Auftrags.

In dem viel gelobten Sozialpapier der Kirchen von 1997 hörte sich das aber noch ganz anders an.

Wir müssen Grundsätze einfordern. Prinzipien wie Solidarität, Subsidiarität und Gerechtigkeit verteidigen. Das ist unser Auftrag. Das aber geht über das politische Tagesgeschäft hinaus.

Im Sozialpapier wurde die Arbeitslosigkeit als gefährlicher Sprengstoff für die Gesellschaft bezeichnet. Gilt das nicht mehr?

Es gilt noch, natürlich. Aber wir haben uns von dem Glauben verabschieden müssen, dass wir da etwas ändern können. Unsere Stärke ist, dass wir in längeren Zeiträumen denken, dass wir nicht so hektisch sind wie die Tagespolitik.

Die Kirche ist einer der größten Arbeitgeber in Deutschland. Wo müssen denn Reformen auf dem Arbeitsmarkt ansetzen, wenn man die Sache in längeren Zeiträumen betrachtet?

Zum Beispiel beim Tarifsystem des öffentlichen Dienstes. Da müsste es mehr Öffnungen geben. Es muss Einschnitte geben für einzelne Berufsgruppen, sonst können wir viele Arbeitsplätze nicht mehr halten. Das Ökonomische muss schon stimmen. Ein Krankenhaus, das pleite ist – das verschwindet, mitsamt seiner Arbeitsplätze.

Das könnte ein Metall-Arbeitgeber auch nicht schöner sagen. Was unterscheidet denn das Unternehmen Kirche von einem normalen Kapitalisten?

Unsere Leute dürfen nicht streiken, und wir dürfen nicht aussperren. Wir setzen auf Konsens. Die Besoldung bei uns sollte nicht schlechter sein als üblich. Doch wenn es hart auf hart kommt, gilt: Es ist wichtiger, dass jemand seinen Arbeitsplatz behält, als dass er Weihnachts- und Urlaubsgeld bekommt. Voraussetzung für solche Lohnkürzungen ist aber, dass die Mitarbeiter reinen Wein eingeschenkt und sie offenen Einblick in die Finanzlage bekommen. Je besser die Mitarbeiter informiert werden, desto besser gelingt die Suche nach fairen Lösungen.

Das heißt, dass Sie betriebliche Bündnisse für Arbeit auch gegen die Gewerkschaften durchsetzen würden?

Ich bin kein Experte im Tarifrecht. Und, wie gesagt, wir versuchen, die Dinge im Konsens zu lösen. Aber wenn die bestehenden Regelungen solche Abkommen verbieten, bin ich schon der Meinung, dass diese Regelungen falsch sind.

Wie beurteilen Sie das Verhalten der Gewerkschaften?

Ich finde sie unglaublich starr. Die Regierung hat zum Beispiel leichte Änderungen des Kündigungsrechts vorgeschlagen. Die Gewerkschaften tun aber so, als wenn der Kündigungsschutz ganz abgeschafft werden soll. In solchen Auseinandersetzungen wird oft undifferenziert und überzogen argumentiert. Wir brauchen mehr Nachdenklichkeit und mehr Suche nach Konsens.

Geht die Aufweichung des Kündigungsschutzes nicht zu Lasten der Schwachen in der Gesellschaft?

Nein. Ich finde die Argumente von Wirtschaftsminister Clement überzeugend. Ich bin sicher, dass man dadurch eine ganze Menge Arbeitsplätze schaffen kann. Wirtschaft hängt sehr von Psychologie und von Stimmungen ab. Wenn es also eine leichte Lockerung beim Kündigungsschutz gäbe, gäbe es bei den Arbeitgebern neues Vertrauen und es würden zusätzliche Leute eingestellt.

Muss der Einzelne mehr Verantwortung übernehmen als bisher?

Der Staat wird überfordert. Darum müssen die Bürger mehr Verantwortung übernehmen. Mich ärgert aber, wenn das unter dem Stichwort Freiheit verkauft wird. Mehr Selbstgestaltung ist auch mehr Last, das müssen wir ganz ehrlich sagen. Die gesetzlichen Krankenkassen können zum Beispiel auf Dauer nicht mehr alles abdecken. Angenommen, die Leute müssten sich in Zukunft gegen Sportunfälle privat versichern. Dann bekommen sie nicht nur zusätzliche Freiheit, sondern auch neue Verantwortung, neue Lasten.

Steht die Kirche jetzt auf der Seite der Deregulierer?

Ich persönlich ja. Aber da kann ich nicht für die Kirche insgesamt sprechen.

Wer sind heute die Schwachen – nach 50 Jahren Wohlstandsgesellschaft in einem Volk von Erben?

Das sind allein Erziehende, Behinderte, teilweise auch Ausländer, Familien mit vielen Kindern sowie manche alte Menschen. In Deutschland wächst ein beträchtlicher Teil der Kinder im Sozialhilfemilieu auf. Viele Arme scheuen sich, die Hilfen, die ihnen zustehen, zu nutzen. Diesen Menschen muss die Kirche zu ihrem Recht verhelfen. Umgekehrt können wir nicht immer nur mehr Geld für die sozial Schwachen fordern, wir müssen auch überlegen, was wirtschaftlich von der Allgemeinheit zu leisten ist.

Hat die Fürsorge für die Schwachen die Schwachen stark gemacht – oder hat sie dafür gesorgt, dass die Schwachen sich ermutigt fühlen, hilflos zu bleiben?

Es kann nur ein Ziel geben, den Schwachen zu helfen, wieder selbstständig zu werden. Alles andere wäre unverantwortlich. Das Elend aufrechtzuerhalten, ist nicht unser Ziel.

Sind sie dafür, Leuten die Sozialhilfe zu streichen, die sich verweigern und lieber auf der faulen Haut liegen?

Es kann nicht Aufgabe der Gesellschaft sein, jemanden zu unterstützen, der arbeiten könnte, es aber nicht tut.

Und die Aufgabe der Kirchen ist es auch nicht?

Nein. Die Aufgabe der Kirchen ist es, sich um die zu kümmern, die schwach sind und die schwach bleiben.

Kann die Kirche das noch leisten?

Wir tun unser Bestes. Aber dass wir langfristig all die Krankenhäuser, Altersheime, Kindergärten und Behinderteneinrichtungen, die wir heute noch betreiben, halten können, glauben nur Menschen, die die Augen vor der Wirklichkeit verschließen.

Weil die Kirche bisher über ihre Verhältnisse gelebt hat?

Manchmal leider ja. Der Umgang mit Geld verlangt Umsicht und Vorsicht. Wir in Köln haben beispielsweise gute Einnahmen, wir sind vorsichtig damit umgegangen und sind darum nicht in einer kritischen Situation.

Das heißt, Sie haben schon in den vergangenen Jahren Mitarbeiter gefeuert, Einrichtungen geschlossen und Kirchen zugemacht?

Wir haben rechtzeitig reagiert. Und wir haben uns von Menschen und Gebäuden trennen müssen. Das hat uns sehr weh getan. Aber: Ein solcher Umgang mit Geld ist human und christlich und sichert zudem Arbeitsplätze. Verschwendung dagegen ist unchristlich.

Hat also der Berliner Kardinal Sterzinsky unchristlich gehandelt?

Die Situation, wie sie in Berlin entstanden ist, wäre nicht notwendig gewesen.

Hätte das Erzbistum also viel früher und viel mehr Personal entlassen müssen?

Berlin ist überversorgt. Das Bistum hat doppelt so viele Mitarbeiter wie das etwa gleich große Bistum Hamburg. Kardinal Sterzinsky hat gesagt, dass ihm seit zehn Jahren bewusst ist, dass seine Erzdiözese über die Verhältnisse gelebt hat. Jetzt hat er keine andere Wahl, als dem harten Kurs der McKinsey-Leute zu folgen.

Ausgerechnet McKinsey. Gibt es keinen katholischen Sanierungskurs?

Auch die katholische Kirche steht unter der Logik der Betriebswirtschaft und der Mathematik.

Wir hätten erwartet, dass sich die Kirche in einer solchen Lage anders verhält als eine Firma wie Babcock-Borsig oder Siemens.

Vielleicht in Einzelfällen. Aber im Großen und Ganzen geht das nicht mehr.

Würden Sie auch Kirchen sprengen lassen?

Alle deutschen Bistümer haben zu viele Gebäude. Wir müssen uns von Gebäuden trennen. Es geht nicht anders. Sprengen oder Abreißen ist wirklich schlimm. Aber noch schlimmer, noch viel schlimmer ist eine Kirche, die zur Bar umgebaut würde. Das wäre für mich das Letzte.

Im Bistum Berlin gehen sonntags etwa 48 000 Menschen zur Kirche, angestellt sind etwa 8000 Menschen. Immer mehr Angestellte, immer weniger aktive Gemeindemitglieder – wie soll das gutgehen?

Wir haben als Kirche hier eine kritische Grenze erreicht. Die äußere Präsenz der Kirche ist viel stärker als die innere, durch Glaubensaktivität abgedeckte Präsenz. Das ist ein ungeheures Glaubwürdigkeitsproblem.

In Berlin gibt es große leer stehende Bürogebäude. Da geht abends einer hin und macht die Lichter an, damit es so aussieht, als seien die Räume vermietet. Sie machen es genauso.

Das Bild stimmt teilweise, und das ist schrecklich. Es gibt aber – um in dem Bild zu bleiben – auch noch viele Büros, in denen Leben ist. Kirche als reine Fassade, das wäre Betrug und würde unsere Glaubwürdigkeit schwer beschädigen.

Sie könnten die Kirchensteuer abschaffen. Dann würde die Kirche, auch finanziell, auf eine reelle und vielleicht gesunde Größe schrumpfen.

Dann entstünde zunächst einmal ein radikaler gesellschaftlicher Schaden. Es müssten viele gute Einrichtungen geschlossen und tausende Leute entlassen werden. Auf längere Sicht kann es natürlich durchaus sein, dass der Phoenix aus der Asche kommt und alle die Schulen, Krankenhäuser und Kindergärten nach dem Übergang in andere Hände eines Tages wieder gut funktionieren.

Wo hat die Kirche versagt: Stimmt das Produkt nicht mehr?

Das Produkt ist das beste, das es gibt auf der Welt. Es ist der Glaube an die Auferstehung und das Leben.

Stimmen die Kundenbindungsprogramme nicht mehr?

Da haben Sie Recht. Da geschieht zu wenig. Viele Pfarrer sind resigniert, weil immer weniger Menschen kommen. Wenn Krisen da sind, gerade dann brauchen wir Optimismus.

Mit einem Logo wie dem Kreuz?

Das Symbol des Christentums ist – modern gesprochen – der elektrische Stuhl, der Galgen oder die Giftspritze. Das Kreuz ist durch die Kunstgeschichte absolut verharmlost worden. Das Kreuz war ein Mordinstrument. Der Gründer des Christentums ist hingerichtet worden. Aber er ist auferstanden. Wenn man daraus lebt, dann wird man auch mit Krisen fertig.

Die katholische Kirche wäre also gut beraten, das Kreuz als Markenzeichen abzuschaffen?

Nein! Genau umgekehrt. Wir müssen mehr verinnerlichen, dass unsere Religion nicht beim Kreuz endet. Ich kann natürlich als Verwaltungschef der Erzdiözese Köln nicht sagen, ich glaube an die Auferstehung, also gebe ich jetzt alles Geld aus. So nicht. Aber ich darf mich nicht innerlich abhängig machen von den greifbaren und zählbaren Erfolgen. Der Glaube hängt nicht ab von konkretem Erfolg oder Misserfolg. Diese innere Überzeugung fehlt vielfach. Und dann endet man in einer Zeit wie heute schnell in der Resignation.

Das Produkt ist gut, nur das Marketing stimmt nicht?

Die Kirche muss sich schon fragen, ob sie die Menschen nicht besser ansprechen könnte. Trotzdem dürfen wir uns deswegen nicht an den Zeitgeist anbiedern.

Das Gespräch führten Ursula Weidenfeld und Martin Gehlen.

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