Politik : Darf’s etwas weniger sein?

Von Dagmar Dehmer

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Die Temperaturen steigen. Zumindest daran zweifelt fast niemand mehr. Es wird schwer werden, die globale Erderwärmung auf unter zwei Grad seit dem Beginn der Industrialisierung zu begrenzen. Aber nicht, weil es technisch nicht möglich wäre. Mit vorhandenen Technologien könnte der Klimawandel in einem noch beherrschbaren Rahmen gehalten werden. Wir müssen nur wollen.

In der Klimadiskussion ist die Schuldfrage ziemlich eindeutig geklärt: Der Treibhauseffekt wird vor allem durch die Verbrennung von fossilen Brennstoffen und das dabei entstehende Kohlendioxid (CO2) verstärkt. Die Industriestaaten haben die jetzt schon spürbare Erwärmung verursacht. Inzwischen gehört es zum guten Ton, den Klimawandel als „größte Herausforderung der Menschheit im 21. Jahrhundert“ zu verstehen. Doch leider folgt dieser Erkenntnis eher wenig.

Wenn es darum geht, konkret den Ausstoß von Kohlendioxid oder anderer Treibhausgase zu vermindern, zeigt jeder mit dem Finger auf den anderen: Die USA zeigen auf die Schwellenländer und Europa. China, Indien und Brasilien zeigen auf die USA und die Europäer. Die Europäer zeigen auf die USA und manchmal auf China, preisen sich sonst aber gerne als die größten Klimaschützer. Doch wenn es konkret wird, blicken die Staats- und Regierungschefs im Kreis herum und tun so, als wären sie nicht da.

So ähnlich geht das auch im jeweils eigenen Land: Die Industrie zeigt auf die Politik, die Haushalte und auf den Verkehr, an dem sie – durch den Güterverkehr – nicht unwesentlich beteiligt ist. Die Regierung verspricht große klimapolitische Taten. Doch wenn die Industrie durch den Emissionshandel Kohlendioxid vermindern soll, darf sie es möglichst überhaupt nicht merken. Und eine Obergrenze für den CO2-Ausstoß von Autos könnte aus den Deutschen ja, wie der bayerische Wirtschaftsminister Erwin Huber befürchtet, „ein Volk von Kleinwagenfahrern machen“. Und die Bürger zeigen in alle Richtungen.

Tatsächlich sind aber wir alle Teil des Problems. Klar, es klingt popelig angesichts der Größe des Klimaproblems, von Stand-by-Schaltungen, Energiesparlampen und sparsamen Autos zu reden. Doch wenn man bedenkt, dass in Deutschland rund 44 Millionen Autos herumfahren, bei gerade mal etwas mehr als 80 Millionen Einwohnern, sieht man, dass unser Verhalten einen großen Einfluss hat. Wir werden in den Industriestaaten so schnell kein „klimaneutrales Leben“ führen können. Aber wir können eine Menge tun, um den Klimawandel aufzuhalten. Wir können unsere Häuser besser dämmen, damit wir nicht die Umgebung mitheizen. Wir können in neugebauten Häusern auf eine Heizung ganz verzichten, denn mit neuen Materialien und einer intelligenten Bauweise kommt man mit einer Solar-Thermieanlage auf dem Dach problemlos aus, um warm zu duschen und nicht zu frieren. Aber auch Altbauten lassen sich intelligenter heizen: mit Fernwärme aus einer Kraft-Wärme-Kopplungsanlage, die im besten Fall mit Methan aus der Müllvergärung betrieben wird oder mit Biomasse. Dabei entsteht gleichzeitig auch noch Strom.

Diese Technik gibt es auch in klein, beispielsweise für einzelne Mietshäuser. Strom lässt sich aber auch selbst erzeugen, durch eine Photovoltaikanlage beispielsweise. Und wer keine Lust mehr hat, viel Geld dafür zu bezahlen, dass die großen Stromkonzerne mit klimaschädlichen abgeschriebenen Braunkohlekraftwerken oder ebenfalls abgeschriebenen Atomkraftwerken so viel Geld verdienen wie noch nie zuvor, wechselt den Anbieter und bezieht Ökostrom. Und wenn wir schon nicht jedes Mal darauf verzichten wollen, zu fliegen, können wir zumindest einen Klima-Ablass dafür bezahlen. Auf diese Art kann in eine klimafreundliche Energieversorgung in Entwicklungsländern investiert werden. Mit all diesen kleinen Schritten können wir ein Teil der Lösung werden. Und sie ermöglichen uns, glaubwürdig größere Beiträge von all denen zu verlangen, auf die wir ohnehin schon zeigen: die Politik, die Wirtschaft, China und die USA.

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