Darmkeim : Kann bei der Ehec-Epidemie Entwarnung gegeben werden?

Lang hat es gedauert, nun haben die Experten genauere Erkenntnisse. Die Warnungen vor rohen Tomaten, Gurken und Salat sind aufgehoben. Sprossen sollen die Ursache der Erkrankungen sein.

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Es sind die Sprossen.
Es sind die Sprossen.Foto: dpa

Erstmals ist ein Keim des aggressiven Serotyp O104 auf Sprossen nachgewiesen worden. Die Jagd nach der Quelle der Ehec-Infektionen zeigt deutliche Erfolge.

Was bedeutet es, dass erstmals der für die Ehec-Erkrankungen verantwortliche Keim auf Sprossen gefunden wurde?

Zum einen ist das eine lang erwartete, gute Nachricht. Dass sie genau an dem Tag kam, an dem aufgrund der immer engeren Einkreisung der mutmaßlichen Erregerquelle die Verzehrwarnung für Tomaten, Gurken und Blattsalat aufgehoben und nur noch die für Sprossen aufrechterhalten wurde, macht die Indizienkette besonders dicht. Andererseits war bereits zwei Tage zuvor der Fund von Keimen des Serotyps O104 auf Gurken in Magdeburg dadurch entwertet worden, dass die Proben aus dem Biomüll stammten. Auch die nun im Rhein-Sieg-Kreis positiv getesteten Sprossen befanden sich bereits im Hausmüll. Und die Tüte, in der sie sich befanden, war geöffnet. Das mag dafür sprechen, dass es ein Nachweis ohne Beweiskraft ist. Aber im Zusammenhang mit allen anderen Indizien scheint es so gut wie sicher: Die Erreger kommen von den Sprossen. Nicht geklärt ist allerdings nach wie vor, wie sie dort hinkamen. Wenn die These des Münsteraner Ehec-Experten Helge Karch zutrifft, dass der Erreger vermutlich nicht von Wiederkäuern sondern vom Menschen stammt, müssten die Keime im Gärtnerhof im niedersächsischen Bienenbüttel von Mitarbeitern auf die Sprossen übertragen worden sein.

Warum war zuletzt nur noch vor Sprossen gewarnt worden?

Seit sich die Hinweise mehren, dass Sprossen eine Ursache des Ehec–Ausbruches sein könnten, hat das Robert-Koch-Institut (RKI) in seinen Befragungen gezielt nach dem Verzehr von Sprossen gefragt. Mit einer neuen Studie ist es dem RKI nun gelungen, „die Ursache des Ausbruchs mit großer Wahrscheinlichkeit auf den Verzehr von Sprossen einzugrenzen.“ Deshalb haben das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR), Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) und RKI entschieden, dass die bisherige Warnung vor Tomaten, Gurken und Blattsalat aufgehoben werden kann. Die Institute empfehlen nun, „bis auf Weiteres Sprossen nicht roh zu verzehren. Haushalten und Gastronomiebetrieben wird empfohlen, noch vorrätige Speisen sowie möglicherweise damit in Berührung gekommene Lebensmittel zu vernichten.“

Was genau haben die Forscher gemacht?

Den Ausschlag gab eine „rezeptbasierte Restaurant-Kohortenstudie“. Dafür haben die RKI-Experten fünf Reisegruppen untersucht, die alle im selben Restaurant gegessen hatten und bei denen später Ehec-Fälle aufgetaucht waren. Insgesamt hatten die fünf Gruppen 112 Teilnehmer, 19 von ihnen waren krank geworden.

Am Dienstag und Mittwoch befragten Experten-Teams des RKI Patienten und gesunde Teilnehmer danach, was sie in dem Restaurant gegessen hatten. Dabei verließen sie sich nicht allein auf die Erinnerung der Teilnehmer, sie nutzten auch Bestellzettel, Rechnungen und die Fotos, die eine Reisegruppe gemacht hatte. Gleichzeitig waren drei RKI-Forscher in dem Restaurant zu Besuch und ließen sich von den Köchen genau erklären, welche Zutaten in welcher Menge in welchem Menü benutzt wurden. „Viele Menschen erinnern sich nicht im Einzelnen daran, was in ihrem Essen war, wissen aber noch, welches Menü sie hatten“, sagt Gérard Krause, Leiter der Infektionsepidemiologie im RKI. Erst durch das Zusammenbringen der Erinnerung der Restaurantgäste und des Wissens der Köche konnten die Experten genau herausarbeiten, welche Lebensmittel welche Personen zu sich genommen hatten. Am Mittwochabend kehrten die RKI-Teams nach Berlin zurück und begannen sofort, die gewonnenen Daten in den Computer einzugeben. Am Donnerstagmorgen um sechs Uhr stand das Ergebnis fest: Personen, die Sprossen verzehrt hatten, hatten ein 8,6-mal höheres Risiko an Ehec zu erkranken als die Kontrollpersonen. Außerdem hatten alle 19 Personen, die erkrankt waren, Sprossen verzehrt.

Nach weiteren Nachprüfungen und der Abstimmung mit anderen Experten entschieden die Behörden dann Donnerstagnacht, die bisherige Warnung vor Gurken, Tomaten und Blattsalat aufzuheben.

Wie sicher ist es, dass wirklich nur Sprossen betroffen sind?

Eine absolute Sicherheit gibt es nicht. In einer Fallkontrollstudie, für die erkrankte Personen in Lübeck, Bremerhaven und Bremen befragt wurden, gaben nur sechs von 24 Patienten an, Sprossen verzehrt zu haben. Bei den gesunden Vergleichspersonen gaben zwar im Verhältnis deutlich weniger Menschen an, Sprossen gegessen zu haben, nämlich sieben von 80 Befragten. RKI-Experte Krause vermutet, dass sich viele Leute einfach nicht mehr daran erinnern.

Hätte das RKI schon früher auf Sprossen kommen können?

Der Vorwurf, das RKI hätte früher nach Sprossen fragen müssen, liegt nahe. Schließlich sind Sprossen schon häufiger Ursache für Ehec–Ausbrüche gewesen. Aber die Forscher befanden sich zu Beginn des Ausbruchs in einem Dilemma: In einer ersten Befragung, die dazu diente, den Fragenkatalog für die späteren Studien anzupassen, hatten nur drei der zwölf befragten Patienten angegeben, Sprossen verzehrt zu haben. „Wir haben darüber diskutiert, ob man Sprossen trotzdem aufnehmen sollte, aber so ein Fragebogen ist ohnehin schon wahnsinnig lang“, sagt Krause. Deshalb nehme man nur Lebensmittel auf, die einen Großteil der Krankheitsfälle erklären könnten, und das schienen Sprossen zunächst nicht zu sein. Wegen der schlechten Erinnerung der Teilnehmer hätte es möglicherweise auch bei einer gezielten Befragung keinen klaren Hinweis auf Sprossen gegeben, heißt es aus dem RKI. Und für die jetzt durchgeführte Restaurantstudie musste erst ein Ort gefunden werden, an dem zahlreiche Menschen aus mehreren Gruppen gegessen hatten und zum Teil erkrankt waren.

War die Verzehrwarnung vor Gurken, Tomaten und Blattsalaten ein Fehler?

Das behauptet noch nicht einmal die Opposition. Der Ehec-Erreger, da sind sich die Politiker einig, ist so gefährlich und Gesundheitsschutz der Bürger so vorrangig, dass man bereits aufgrund von Indizienketten reagieren musste, ohne den endgültigen Beleg für die Infektionsquelle zu haben. Dass auf spanischen Gurken ein anderer Ehec-Erreger entdeckt wurde, hätte schon für sich bereits entsprechende Warnhinweise gerechtfertigt. Außerdem hat die jetzt zurückgenommene Warnung vor Gurken, Tomaten und Blattsalat aus Sicht von Gesundheitsminister Daniel Bahr „geholfen, den Weg zu den Sprossen zu finden“. Internationale Experten hätten dem Robert-Koch-Institut bescheinigt, dass die Verzehrempfehlungen aufgrund der Indizienketten angebracht und richtig gewesen seien, betonte der FDP-Politiker. Und Verbraucherministerin Ilse Aigner kann sich vorstellen, dass mancher Verbraucher durch dem Verzicht auf „Salate im Großen“ quasi automatisch vor darübergestreuten keimbelasteten Sprossen bewahrt wurde.

Wie schnell werden jetzt wieder Gurken, Tomaten und Salat von den Verbrauchern gekauft werden?

Alle drei hat es auch während der Krise gegeben. „Die Läden haben Gurken, Tomaten und Salat nicht komplett aus dem Sortiment genommen“, sagt Christian Böttcher vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels (BVL). Allerdings wurden sie weit weniger angeboten als zu normalen Zeiten. Im Obst- und Gemüsehandel ist der Umsatz in den vergangenen Wochen um 30 bis 40 Prozent gesunken. Jetzt wollen die Händler ihr Angebot „so schnell wie möglich aufstocken“, kündigt Böttcher an – wegen des langen Pfingstwochenendes aber wahrscheinlich erst so richtig in der nächsten Woche.

Lieferengpässe bei frischem Gemüse sieht der Bauernverband nicht. Er hofft darauf, dass die Verbraucher jetzt wieder beherzt zugreifen. Die Hoffnung könnte sich erfüllen. Nach dem jüngsten Dioxin-Skandal hat es nur drei Wochen gedauert, bis die Verbraucher wieder Eier und Schweineschnitzel gekauft haben. Bei BSE waren es allerdings mehrere Jahre, gibt Foodwatch-Sprecher Martin Rücker zu bedenken.

Für ihre Verluste sollen die Bauern entschädigt werden. Die EU-Kommission plant dafür europaweit 210 Millionen Euro. Weitergehende Forderungen nach zusätzlichem Geld aus dem Bundeshaushalt dürften dagegen an EU-Recht scheitern. Alle finanziellen Hilfen müssten von der EU notifiziert werden, heißt es im Agrarministerium, und das könne ein halbes Jahr dauern.

Was ist falsch gelaufen bei der Bekämpfung der Ehec-Epidemie?

Damit habe man sich erst nach der Krise und „in aller Ruhe“ zu beschäftigen, sagt Gesundheitsminister Bahr. Allerdings ist schon jetzt klar, dass Verbesserungen vor allem an einer Stelle nötig sind: beim Meldeverfahren. Nach den ersten Ehec-Erkrankungen hat es fast zwei Wochen gedauert, bis der Alarm bei den Zuständigen ankam und sie entsprechend reagieren konnten. Der Minister hätte das übliche „Salmonellen-Verfahren“ gleich außer Kraft setzen und den Kliniken erlauben müssen, sich direkt ans Robert-Koch-Institut zu wenden, sagt der SPD-Politiker Karl Lauterbach. Manche Mediziner hätten dies zwar dennoch getan, doch kleinere Kliniken wagten es oft nicht, sich über das klassische Verfahren hinwegzusetzen. Sie informieren das örtliche Gesundheitsamt, dieses wendet sich ans Landesministerium, die Information wandert gemächlich zum RKI und von dort zum Bundesinstitut für Risikobewertung. Manches geschehe sogar noch auf dem Postweg, ärgert sich Lauterbach. Und weil das alles so lange dauere, sei die Infektionsquelle dann kaum noch zu eruieren.

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