Politik : …Darwin sich blamiert

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Harriet hat Geburtstag. Exakt muss es heißen: Harriet hatte Geburtstag, gestern, aber bei Harriet dauert alles etwas länger. Im Grunde genommen ist jeder neue Tag für Harriet ein Festtag, also auch der heutige, an dem sie 175 Jahre und einen Tag alt wird. Harriet ist eine Riesenschildkröte, sie lebt in Brisbane in Australien, zur Feier gab es Torte und Hibiskusblüten. Dieser Zartheit und Poesie stehen ein wenig die Gentests entgegen, mit denen ihr Alter und der Geburtsort, nämlich die Galapagos-Inseln, festgestellt wurden. Aber anders geht’s halt nicht.

An Harriets Geburtstag war ansonsten nicht viel los in der Welt. Etwas zugleich Tragisches und Tröstliches liegt jedoch in dem Fakt, dass just zwei Monate vor ihrem Geburtstag in England die Eisenbahnstrecke zwischen Liverpool und Manchester eingeweiht wurde. Da wurde Harriets Welt rasanter, das ist das tragische Moment. Harriet hat all die Raserei überlebt, das ist so tröstlich. Es wird Harriet seinerzeit nicht interessiert haben, aber wenn man sie fragen würde, wann der Schlamassel, den die Franzosen derzeit erleiden, begann, könnte sie aus ihrem Leben berichten: Damals, im Jahre ihrer Geburt, annektierte Frankreich nämlich den Berberstaat Algerien. Aber auf Harriet hört ja niemand.

Fünf Jahre später kam Harriet nach Europa. Zusammen mit Tom und Dick, zwei Artgenossen. Harriet wurde damals noch Harry gerufen. Ein Irrtum, wie sich in den fünfziger Jahren herausstellte, als irgendjemand den kleinen Unterschied entdeckte, wodurch Harry im Alter von über 100 Jahren endlich zur Dame werden durfte. Gottlob musste der Mann, der Tom, Dick und Harry 1835 nach langen Reisen nach England brachte, diese peinliche Schmach der Fehldiagnose nicht mehr ertragen. Es war nämlich niemand anders als der, nun ja, Naturforscher und Begründer der Evolutionstheorie Charles Darwin. Wenn das die bibeltreuen Amis erfahren, dass Darwin einmal irrte, wird das wieder Wasser auf ihre Mühlen sein, und sie werden die Evolutionstheorie erst recht leugnen. Es hat schon seine Richtigkeit, dass Harriet Mitte des 19. Jahrhunderts nicht den Weg aller nach Amerika mitschritt, sondern von Europa aus nach Australien auswanderte.

Die Suppe wird Harriet gewiss ehrenhalber erspart bleiben. Aber ob sie den Rekord von 188 Jahren noch schafft? So alt wurde die Kollegin, die einst dem König von Tonga gehörte. Lehren können die beiden uns Menschen nichts. Wir kriechen ja nicht auf allen vieren, nicht mal nach Hartz IV, und tragen auch keinen Panzer, leider. So bleibt nach langem Leben als Botschaft wohl nur dies über: Leute, esst Torte und Hibiskusblüten.uem

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