Politik : Darwins Zweifler

Die hessische Kultusministerin will Bibel und Biologie zueinander bringen – selbst derKirchenkritiker Küng findet das nicht schlecht

Martin Gehlen

Berlin - Lange schien die Kontroverse eine Besonderheit der USA. 40 Millionen evangelikale Christen auf dem amerikanischen Subkontinent sind überzeugt, Gott habe vor 6000 Jahren die Welt nach dem Fahrplan der Bibel erschaffen. Und für viele dieser sogenannten Kreationisten korrespondiert die überschaubar kurze Existenz der Erde mit der Überzeugung, dass sie das Ende der Zeiten – in Anlehnung an das Buch der Offenbarung des Johannes – noch persönlich erleben werden. Warum sich also um Klimaschutz sorgen, um Armut oder Überbevölkerung, wenn in wenigen Jahrzehnten doch alles zu Ende ist, lautet ihr fatalistisch-apolitisches Credo.

Eine naive Glaubenshaltung, die im angeblich aufgeklärten Europa lange milde belächelt wurde. Doch inzwischen wird der Kampf der Kreationisten gegen die im 19. Jahrhundert von Darwin entwickelte Evolutionstheorie nicht nur in Schulen und Hochschulen der USA ausgetragen. Auch in zahlreichen europäischen Ländern melden sich ihre frommen Verfechter zunehmend offensiv zu Wort – ganz gleich ob ultrakonservative Katholiken, evangelikale Christen oder fundamentalistische Muslime. So verschickte der Türke Adnan Oktar seinen skurrilen „Atlas der Schöpfung“ europaweit an Schulen. Bildungspolitiker in Italien, Polen und den Niederlanden ließen Verständnis für den Kreationismus erkennen.

In Hessen wiederum machte die Bemerkung der christdemokratischen Kultusministerin Karin Wolff Wirbel, die biblische Schöpfungsgeschichte stehe nicht im Widerspruch zur Evolutionstheorie. Vielmehr gebe es eine „erstaunliche Übereinstimmung“. Es sei dringend geboten, Schöpfungslehre und Evolutionstheorie in der Schule miteinander in Verbindung zu bringen, erklärte sie. Und man dürfe nicht die „Schotten dicht machen“ zwischen den Fächern Biologie und Religion.

Auch im Vatikan gibt es Anzeichen eines vorsichtigen Kurswechsels. So erklärte Benedikt XVI. schon in seinem ersten Gottesdienst als Papst, der Mensch sei „kein beiläufiges, bedeutungsloses Produkt der Evolution“. Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn löste wenig später im Herbst 2005 eine stürmische Kontroverse aus, als er in einem Beitrag für die „New York Times“ behauptete, es gebe „überwältigende Beweise für Design in der Biologie“. Im folgenden Sommer war Schönborn dann zusammen mit zahlreichen Ratzinger-Schülern Gast bei einem internen Seminar in der päpstlichen Residenz Castel Gandolfo zum Thema „Schöpfung und Evolution“, wo diese „Design“-Linie allerdings nicht weiter vertieft wurde. Stattdessen lud der Papst den bis dahin geächteten Theologen Hans Küng zur Privataudienz in den Vatikan – und zwar mit dem ausdrücklichen Verweis auf dessen Buch „Der Anfang aller Dinge. Naturwissenschaft und Religion“.

Küng schildert in dem Werk unter anderem die Geschichte des Kreationismus in den USA und die Abwege der dortigen Diskussion. Die Bibel, so stellte er klar, wolle in ihrem Schöpfungsbericht nicht einen Kern des naturwissenschaftlich Beweisbaren herausarbeiten. Sie stellt eben nicht die Frage nach dem Wie der Entstehung des Lebens, liefert keine Reportage des Geschehens am Weltbeginn. Der biblischen Schöpfungsgeschichte geht es vielmehr um das Warum und Wozu des Daseins. Insofern spreche sie – wie Küng es formuliert – über das „für Glauben und Leben Unverzichtbare“.

Den gegen die hessische Ministerin Wolff erhobene Vorwurf, sie leiste mit ihrem Vorschlag der Ausbreitung des Kreationismus Vorschub, hält Küng für unbegründet. Zwar müsse der Biologieunterricht selbstverständlich auf der Grundlage der Evolutionstheorie geführt werden, sagt er. „Aber wenn eine Frage aufkommt, was vor dem Big Bang war oder was ihn erklären kann, ist das eine Frage, wo die Naturwissenschaft laut allen vernünftigen Wissenschaftlern an ihre Grenze gekommen ist.“

Ähnlich äußerten sich auch der evangelische Bischof Martin Hein von Kurhessen-Waldeck und der katholische Bischof Walter Mixa von Augsburg. „Ein derzeit zu befürchtender Kulturkampf ,Darwinismus versus Schöpfungslehre' geht an der Sache vollkommen vorbei! Vielmehr sind die jeweiligen Einsichten konstruktiv zueinander in Beziehung zu setzen – und zwar ohne jeweilige Vereinnahmung“, schrieb Hein in einem Rundbrief an seine Pfarrer. Und sein katholischer Kollege Walter Mixa formulierte „salopp und auf die Evolutionstheorie bezogen: Es gibt Einsichten und Wahrheiten über den Menschen, die man nicht mit dem Spaten ausgraben kann“.

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