Politik : Das ABC der Religiösen

Pakistans Präsident will die Koranschulen besser kontrollieren. Auf dem Land bieten nur sie Bildung an

Ruth Ciesinger

Berlin - Seit den Anschlägen von London stehen sie wieder ganz oben auf der Beobachtungsliste: Pakistans Religionsschulen, die Madrassas. Weil mindestens einer der Attentäter vom 7. Juli einige Zeit eine solche Einrichtung besucht hat, und weil die Schulen im Westen als Brutstätte für Fundamentalisten gelten. Präsident Pervez Musharraf hat deshalb nach den Attentaten in Großbritannien verkündet, keine ausländischen Studenten mehr an den Koranschulen zuzulassen, und zudem eine letzte Frist bis Dezember gesetzt, bis zu der sich alle Madrassas in Pakistan registrieren lassen müssen.

Die Ankündigung ist einen Monat alt. Was die Reform der Religionsschulen betrifft, ist seitdem nicht mehr viel passiert, berichten pakistanische Medien unter Berufung auf Regierungskreise. Das liege an „Differenzen auf höherer Ebene“. Experten aber sind sowieso zurückhaltend, was die Bedeutung der Ankündigungen betrifft. Obwohl seit 2002 ein Konzept zur Madrassa-Reform vorliegt, weiß nach wie vor niemand, wie viele Koranschulen es tatsächlich gibt. In Regierungskreisen spricht man von etwa 11 000. Zählt man wie die International Crisis Group (ICG) die Angaben der verschiedenen Religionsgruppen über die ihnen zugehörigen Madrassas zusammen, kommt man auf etwa 13 000. Unabhängige Beobachter schätzen die Zahl auf 20 000. Dabei werden die unterschiedlichsten Einrichtungen mitgezählt, von der kleinen Dorfschule bis hin zur universitätsähnlichen Einrichtung mit 8000 oder mehr Studenten. Zur Zahl der Schüler und Studenten fehlen ebenfalls verlässliche Statistiken, pakistanische Quellen sprechen von 1,5 Millionen.

Die meisten Madrassas sind Religionsschulen, die gerade für die arme Landbevölkerung die einzige Bildungsmöglichkeit darstellen. Oft gibt es dortfreie Kost und Unterbringung, sagt Dietrich Reetz vom Zentrum Moderner Orient in Berlin. Es gebe schlicht zu wenige oder nur schlecht ausgerüstete staatliche Schulen. Und Privatschulen kann sich nur die reiche Elite leisten. Die Koranschulen, sagt Reetz, „füllen auf dem Land die Lücke, die das öffentliche System aufreißt“. Dazu kommt, dass Madrassas seit der Machtergreifung von General Zia ul-Haq Ende der 70er nicht nur als Alternative zur regulären Schule anerkannt sind. Sie wurden in den 80er Jahren gefördert – auch von den USA –, um Kämpfer gegen sowjetische Soldaten in Afghanistan auszubilden.

Viele Taliban sind in Pakistan geschult worden. Doch weder die Terroristen von London noch die vom 11. September waren originäre Madrassa-Schüler. Sie alle hatten eine weiterführende Ausbildung genossen. Allerdings haben sich einige von ihnen später in Kursen an Koranschulen aufstacheln lassen. Zudem predigen an manchen Schulen islamistische Terrorgruppen wie Lashkar-e-Toiba ganz offen Militanz. Wie viele dieser radikalen Madrassas es gibt, kann nur geschätzt werden. Reetz hält etwa drei Prozent für realistisch, die ICG spricht von zehn Prozent.

Obwohl die Regierung seit dem 7. Juli Razzien in solchen Schulen angeordnet hat, scheut sie nach Ansicht von Reetz in letzter Konsequenz die Auseinandersetzung mit den Islamisten. Im ungelösten Kaschmirkonflikt etwa will man sich seiner Ansicht nach der Unterstützung der Islamisten weiter sicher sein. Wenn Musharraf alle ausländischen Studenten der Madrassas ausweisen will und die Registrierung der Schulen innerhalb der kommenden vier Monate fordert, hält Reetz das für „Augenwischerei“. Was es bräuchte, sei eine Reform des Bildungswesens. Mehr und bessere staatliche Schulen würden am ehesten dazu führen, dass die Koranschulen an Zulauf verlieren. Doch Pakistan gibt bisher mit weniger als zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts mit am wenigsten für die Bildung aus.

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