Politik : Das Band des Bundes

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Von Bernhard Schulz

Ein reichliches Jahrzehnt Berliner Schlossdebatte geht zu Ende. Gewiss –mit der gestrigen Abstimmung im Bundestag, so deutlich sie auch für die Wiedererrichtung von Schlüters Barockfassaden ausging, ist der erste Spatenstich noch längst nicht getan. Die wichtigste Abstimmung liegt ohnedies in weiter Ferne: die über die Finanzierung des Bauwerks und das Ausmaß der öffentlichen Zuschüsse. Aber die überwältigende Zustimmung des Parlaments zu den Empfehlungen der „Kommission Historische Mitte Berlin“ zu den Dimensionen des künftigen Gebäudes, seiner Nutzung und seiner Finanzierung kann ernstlich nicht mehr revidiert werden. Sie wird über einen möglichen Wechsel der politischen Mehrheiten hinaus Bestand haben und verpflichtet – so betonten gestern mehrere Redner – den Bund zum gewichtigen finanziellen Engagement für das Berliner Schloss.

Berliner Schloss – dieser Begriff darf von jetzt an ohne ideologische Scheuklappen verwendet werden. Das eindrucksvolle Ergebnis der Abstimmung unterstreicht, dass der Bund, über alle Parteigrenzen hinweg, die hauptstädtischen Angelegenheiten Berlins zu seinen eigenen macht. Und bei der Schlossplatz-Bebauung geht es eben nicht um einen beliebigen Neubau, sondern immer auch um das Jahrhunderte alte Bauwerk, dessen mächtige Hülle 1950 auf Geheiß der SED weggesprengt wurde. Die gestrige Abstimmung hatte ihren allein noch strittigen Kern in der Frage nach der architektonischen Gestalt des zukünftigen Gebäudes, das in jedem Fall auf dem öden Brachland in der Mitte Berlins entstehen soll. Die Alternative hieß „Schlüter oder Gegenwart“. Nicht zuletzt nach des Kanzlers erneutem Bekenntnis zur historischen Gestalt war eine derart klare Mehrheit für Schlüters Barockfassaden zu erwarten.

Genau das bewegt die Öffentlichkeit: Wie das Bauwerk in der Stadtmitte aussieht. Über die städtebauliche Notwendigkeit eines solchen Bauwerks bestand längst schon Einigkeit. Aber die architektonische Gestalt, ob Barock oder Moderne, spaltete die Meinungen – oder doch nur die Fachwelt, während sich eine breite Öffentlichkeit seit langem für das verlorene Schloss begeisterte.

Zwölf Jahre lang ist um das Für und Wider des Schloss-Vorhabens gerungen worden; am Ende gibt es keinen Ernst zu nehmenden Einwand gegen die Rekonstruktion der drei Hauptfassaden und des Schlüter-Hofes mehr, wie sie die Expertenkommission vorschlägt. Die Einsetzung dieser Kommission markierte im übrigen die entscheidende Wende in der unfruchtbar gewordenen Debatte. Unter der klugen Leitung des Wieners Hannes Swoboda wurden alle Argumente gewogen, die im Frühjahr veröffentlichten Empfehlungen geben Zeugnis vom Niveau der Diskussion. Es ist dies nicht die geringste Erkenntnis, die Berlin aus der Schloss-Debatte gewinnen kann: dass es sinnvoll ist, fachlich und politisch ausgewiesenen Sachverstand heranzuziehen – vor allem solchen, der das Berliner Selbstgespräch mit Distanz vernimmt und eigene, auf gewichtiger Erfahrung beruhende Beiträge liefern kann. Ein solches Verfahren stünde der Stadt auch zur Lösung anderer kommunalpolitischer Probleme gut zu Gesicht. Wenn aber Empfehlungen ausgesprochen sind, dürfen die Politiker Berlins nicht länger taktieren, sondern müssen zügig entscheiden.

Genau so muss es beim Schloss weitergehen: Die offenen Fragen, insbesondere der Nutzung des künftigen Schloss-Gebäudes und seiner Finanzierung, stehen zur Klärung an. Gestern ist nicht allein die Entscheidung für die Wiedererrichtung der Schloss-Gestalt gefallen, sondern auch dafür, dass Parlament und Regierung künftig helfen müssen, die Kernprobleme der Hauptstadt zu meistern.

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