Politik : „Das Böse aus der Milosevic-Zeit ist immer noch lebendig“

Jugoslawiens Ex-Präsident Kostunica über den Mord an Premier Djindjic, den großen Einfluss der Mafia – und die Bedeutung Serbiens für Europa

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Herr Kostunica, nach dem Mord an Premier Zoran Djindjic bleibt Serbien in den NegativSchlagzeilen. Verzweifeln Sie manchmal an Ihrem Land?

Ja, oft sogar. Denn das Böse aus der Milosevic-Ära ist immer noch lebendig. Ich meine damit das organisierte Verbrechen, aber auch die vielleicht noch gefährlichere Korruption, vor allem in der Wirtschaft. Die Kriminellen sind ja im Grunde leicht zu identifizieren. Dann gibt es aber noch jene Sorte von Geschäftsleuten, die während des Milosevic-Regimes nur durch enge Kontakte zum organisierten Verbrechen reich geworden ist. All das macht mir große Sorge.

In den vergangenen Jahren waren Djindjic und Sie vor allem politische Widersacher. Wie denken Sie heute über Ihren Machtkampf?

Wenn ein Land aus einer nichtdemokratischen Phase herauskommt, muss der Respekt vor dem Recht im Vordergrund stehen. Das jedenfalls war mir sehr wichtig, Djindjic legte weniger Wert darauf. Er war da pragmatischer als ich. Und er versuchte bis zuletzt, in der politischen Arena eine absolute Machtposition zu erreichen. Djindjic war für Reformen ohne Rücksicht auf Recht und Gesetz. Ich bin auch für Reformen, lege aber großen Wert auf Recht und Gesetz.

Zwei Ihrer Mitarbeiter wurden verhaftet und beschuldigt, in den Djindjic-Mord verwickelt zu sein. Sie selbst haben Anschuldigungen gegen Sie und Ihre Partei zurückgewiesen und von einer politischen Hetzjagd gesprochen. Sehen Sie nicht doch eine Mitverantwortung für das Attentat in Ihrem Umfeld?

Nein, die sehe ich keineswegs. Dafür hätte ich mehr Macht haben müssen. Wenn man jetzt meiner Partei und mir Vorwürfe macht, will man davon ablenken, dass Regierungsmitglieder selbst über gute Kontakte zu der wegen des Attentats beschuldigten Zemun-Bande verfügten.

Es gibt Stimmen, die behaupten, die Mafia wäre in den vergangenen Jahren der eigentliche Lenker des Staates gewesen.

Sie hatte einen gewissen Einfluss – das ist offensichtlich. Lange vor dem Djindjic-Mord wurde der inhaftierte Mafia-Boss Dusan Spasojevic einfach so freigelassen.

Der Chef der Zemun-Bande, den die Polizei nach dem Djindjic-Mord bei der Festnahme erschossen hat.

Ja. Diese Geschichte zeigt, dass die Mafia oft sogar stärker war als der Staat. Um die genauen Hintergründe des Djindjic-Mordes aufzuklären, sollte eine Kommission eingesetzt werden. Die müsste auch die Rolle seiner Leibwächter klären. Das kann man nicht allein der Polizei überlassen. Es stellt sich immer noch die Frage, wer für diesen Mord verantwortlich ist.

Wie sehen Sie Ihre politische Rolle nach Djindjics Tod – als Oppositionsführer oder als künftiger Präsident in Serbien?

Ach wissen Sie, heute ist man noch Opposition und morgen vielleicht schon Präsident. Das ist eine Art Dialektik. Wichtig ist, dass sie erhalten bleibt. Aber im Zuge der Abrechnung mit den alten Kräften von Milosevic und den serbischen Radikalen wird diese Dialektik derzeit aufgehoben. Das sieht man an den Attacken der jetzigen Regierung auf meine Partei. Es wäre verheerend, wenn diese Entwicklung in einem Einparteiensystem enden würde.

Ihre Schilderungen bestätigen die negativen Balkan-Assoziationen vieler Westeuropäer – Kriege, Krisen und Verbrechen. Gibt es etwas, das Sie diesem Bild entgegensetzen könnten?

So ist nun mal die Geschichte. Was die Zukunft des Balkan betrifft, bin ich Optimist und Pessimist zugleich. Die Zeit der Kriege ist auf jeden Fall vorüber. Wir sind dabei, Lösungen zu entwickeln, die für alle Völker der Region akzeptabel sind. Wichtig wird sein, wie in der albanischen Frage entschieden wird. Aber ich bin zuversichtlich, dass dank der europäischen Integration die Probleme friedlich gelöst werden können.

Was kann Serbien zur Europäischen Union beisteuern, wenn es eines Tages Mitglied ist?

Serbien hat eine wichtige geopolitische Lage. Es ist ein Vielvölkerstaat am Randes Europas, der nicht nur geostrategisch, sondern auch für die Verkehrswege wichtig ist. Aber unser eigentlicher Reichtum liegt in der ungewöhnlichen Geschichte. Hier treffen sich Ost und West, Christentum und Islam.

Was bedeutet für Sie heute serbische Identität?

Mir ist wichtig, dass wir auch nach einem EU-Beitritt bleiben, wer wir sind. Das macht doch die Vielfalt Europas aus. Wir sollten nicht nur der soundsovielte Mitgliedsstaat sein.

Die Fragen stellte Gemma Pörzgen.

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