Politik : Das Böse und wir

Von Peter von Becker

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Niemand kann sich das leibhaftig vorstellen. Acht Jahre wurde ein Mädchen von seinem Entführer in einem Einfamilienhaus am Rande von Wien in einem unterirdischen Verlies gefangen gehalten. Das Kind Natascha, das nach 3096 Tagen und Nächten als nunmehr 18-Jährige in die Oberwelt zurückgekehrt ist, wird das, was ihr in diesen unvorstellbaren acht Jahren widerfahren ist, auch in einem äußerlich freien Leben kaum mehr vergessen und verdrängen können. Hier wurde nicht nur ein Stück Kindheit und Pubertät geraubt. Auch das kindliche, zum Erwachsenwerden nötige Urvertrauen in eine mitmenschliche Welt ist zunächst furchtbar zerstört.

Langjährige Entführungen und Misshandlungen von Kindern, die nicht der Lösegelderpressung, sondern dem sexuellen oder sonst wie sadistischen oder abnormen Allmachtsgelüst der Täter dienen, gab es auch früher schon. Der Fall Natascha weckt dennoch besonderes Mitgefühl und öffentliche Aufmerksamkeit. Dabei hat Nataschas Verhängnis nichts zu tun mit schnell herbeiassoziierten Erinnerungen an den rätselhaften Kaspar Hauser oder den von Rousseau und Kipling bedichteten Fällen von ausgesetzten Wildlingskindern. Das Mädchen in Wien wurde mitten in unserer Hochzivilisation entführt und im Untergrund unseres alltäglichen Lebens wie lebendig begraben.

Das Makabre ist, dass sich der Gewalttäter, den man nach seinem Selbstmord nicht mehr befragen kann, offenbar auch als Erzieher seines Opfers verstand und ihm zensiert Zeitungen und Fernsehen in seine tageslichtlose Welt brachte. Ein Privatdiktator. Ein Besessener, der sein Haus mit innerer Abschottung und technischen Überwachungssystemen in ein Privat-KZ verwandelt hat. Wie sich so Wahnsinn und kalte Rationalität zu einer gefühllosen Mischung verbinden, das glaubt man eher von der technokratischen Gewalt moderner Diktaturen zu kennen. Aber Hightech und niederste Instinkte verbünden sich immer leichter zu neuen Verbrechensformen, nicht nur im Terrorismus.

Umgekehrt fragt man sich, ob nicht auch mehr Überwachung und soziale Kontrolle bestimmte Straftaten verhindern könnten. Zu denken geben die Mädchenmorde des Belgiers Dutroux, der seine Opfer gleichfalls in Kellerhöllen zwang; oder die in jüngster Zeit bekannt gewordenen Schicksale der in ganz normalen Siedlungsbauten in Deutschland über Monate und Jahre gequälten und getöteten Kinder. Die Ahnungslosigkeit der Nachbarn wirkte da oft erschütternd. Doch beruhte sie allemal auf Gleichgültigkeit? Das Schlimme und schwer Verstehbare ist ja wohl: Wir wissen in Großstädten, selbst wenn wir es wissen wollten, meist wenig über unsere Nachbarn. Das Fremde beginnt nicht erst in der Ferne. Es wohnt viel häufiger nebenan. Wegschauen hat da einerseits Tradition, zumal als Reflex auf das Spitzel- und Denunziantentum in zwei deutschen Diktaturen.

Aber: Schon jede Selbsterkenntnis ist schwer. Umso weniger sehen wir durch eine fremde Stirn. Und nicht das Böse ist banal. Es ist monströs. Zu jeder Zeit, für jedes Opfer. Doch gibt es die Banalität der Bösen. Wissenschaftler schätzen, dass nur etwa fünf Prozent aller an Massenmorden und Folterungen beteiligten NS-Täter sadistische Psychopathen waren. Auch sie lebten davor und danach meist unauffällig. „Ausgerechnet der Mensch ist unmenschlich“, wundert sich ein Philosoph in Thomas Bernhards „Weltverbesserer“. Dagegen gibt es keine kriminologische oder technokratische Vorkehrung. Nur wachsame Einsicht und Erziehung. Neben dem Mitleid und Entsetzen.

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