Politik : Das Bosnien-Komplott

Kroatiens Präsident bestätigt Absprache über Teilung mit Serbien

NAME

Von Klaus Bachmann, Den Haag

Der kroatische Präsident Stipe Mesic hat als Zeuge der Anklage im Prozess gegen Slobodan Milosevic ein Geheimtreffen zwischen diesem und dem inzwischen verstorbenen kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman bestätigt, das die Aufteilung der jugoslawischen Teilrepublik Bosnien-Herzegowina zwischen Kroatien und Serbien zum Ziel hatte. Mit Mesic hat vor dem Jugoslawien-Tribunal der bisher höchstrangigste Zeuge der Anklage gegen den früheren serbischen Präsidenten Milosevic ausgesagt. Mesic übergab der Anklage auch große Mengen an Beweismaterial. Die Anklage nutzt Mesics Aussage vor allem für den Nachweis der Existenz eines „Generalplans“ des Angeklagten, darauf ausgerichtet, ein ethnisch homogenes Groß-Serbien zu errichten.

Am ersten Tag seiner Aussage bestätigte Mesic, der bis zu seinem Bruch mit Tudjman 1994 einer von dessen wichtigsten Beratern war, Milosevic und Tudjman hätten sich im Frühjahr 1991 in dem Erholungszentrum Karadjordjevo getroffen und dort die Aufteilung Bosnien-Herzegowinas zwischen Kroatien und Serbien beschlossen. Milosevic hat die Existenz einer solchen Absprache immer bestritten. Mesic berichtete vor Gericht, im Anschluss an das Geheimtreffen sei sogar eine gemeinsame Arbeitsgruppe gebildet worden, die die genaue Grenzziehung habe festlegen sollen. „Die Gruppe war geheim, aber sie traf sich mal in Zagreb und mal in Belgrad, und einige Mitglieder traten sogar zurück, wenn ihnen das Ergebnis der Diskussionen nicht gefiel." Der kroatische Präsident, der sich 1994 mit Tudjman über die Privatisierungspolitik und Tudjmans Haltung zu Bosnien zerstritt, aus dessen Partei austrat und eine eigene gründete, berichtete auch, Milosevic und Tudjman seien beide von heftiger Moslemfurcht besessen gewesen. Milosevic habe ihm einmal eine Untersuchung serbischer Experten übergeben, derzufolge bei einer Unabhängigkeitserklärung Bosniens eine halbe Million Moslems aus der Türkei zurückwandern würde. Tudjman habe die Untersuchung in Zagreb später westlichen Gesprächspartnern als Studie „weltbekannter Experten“ dargestellt.

Mesic bestätigte auch, der serbische Vertreter in der kollektiven Führung Jugoslawiens (die auf der Basis der kommunistischen Verfassung von 1974 zusammentrat), Borisav Jovic, sei vollkommen von Milosevic abhängig gewesen. „Er verließ vor jeder Abstimmung den Verhandlungssaal und ich bat ihn dann, Milosevic einen Gruß auszurichten. Wenn er zurückkam, fragten wir ihn, ob er Milosevic auch gegrüßt habe. Er regte sich über unsere Witze immer auf, aber er widersprach nie, dass er seine Anweisungen von Milosevic bekam.“ Der „serbische Block“ in der kollektiven Führung Jugoslawiens habe immer mit Jovic gestimmt. Die Anklage muss nachweisen, dass Milosevics Einfluss de facto weiter reichte als die serbische Verfassung zuließ, da sie ihm Verbrechen in Bosnien und Kroatien und damit außerhalb seiner verfassungsrechtlichen Reichweite vorwirft. Mit Mesics Aussage über das Funktionieren des vierköpfigen „serbischen Blocks“ in der achtköpfigen Führung ist Ankläger Geoffrey Nice damit ein Stück weiter. Milosevic folgte Mesics Ausführungen mal mit einem gelangweilten, mal mit einem blasierten oder amüsierten Lächeln.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben