• Das chilenische System galt lange als vorbildlich - heute erreichen 60 Prozent der Bevölkerung nicht die Mindestrente

Politik : Das chilenische System galt lange als vorbildlich - heute erreichen 60 Prozent der Bevölkerung nicht die Mindestrente

Renate Hirsch

Lange Zeit war Chile bei der Reform der Alterssicherung das große Vorbild für fast ein Dutzend Staaten in Lateinamerika. Der entschlossene und sehr frühe Wechsel schon im Jahr 1983 vom Umlage- zum Kapitaldeckungsverfahren galt als beispielhaft. Rentenexperten würdigten die steuerlichen Anreize, mit denen der damalige Arbeitsminister unter Augusto Pinochet, José Pinera - einer der neoliberalen Chicago Boys -, vielen den freiwilligen Übergang zum neuen System schmackhaft machte. Doch mittlerweile zeigt das neue Modell Schwächen. Die privaten Pensionsfonds, bei denen die Bevölkerung ihre Rentenkonten führt, verbuchen nur noch geringe Renditen. Und die 13 Administradoras de Fondos de Pensiones (AFP), die Verwaltungsgesellschaften der Fonds, leiden unter zu wenig Konkurrenz.

Jeden Monat zahlen die Chilenen 13 Prozent ihres Lohns auf ihr Rentenkonto bei einem der Pensionsfonds. Lange Jahre lagen die Renditen im Schnitt bei zwölf Prozent. Seit 1996 sinken sie jedoch und 1998 waren sie mit bis zu zwei Prozent im Minus. "Dafür gibt es mehrere Gründe," sagt Julio Bustamante, Chef der staatlichen Kontrollbehörde. "Die chilenische Wirtschaft wächst nicht mehr so schnell. Und vielen Exportunternehmen hat die Asienkrise zugesetzt." Außerdem tut sich Chile schwer, das Kapital von rund 50 Milliarden Dollar im engen chilenischen Finanzmarkt anzulegen. An die ausländischen Börsen wagen sich die Fonds bisher kaum. Dabei dürfen sie bis zu 20 Prozent im Ausland investieren. Die durchschnittlichen Portfolios bestehen vor allem aus Staatspapieren.

Kritisiert wird auch der starke Konzentrationsprozess bei den AFPs. Statt der 13 AFPs vom Anfang gibt es heute nur vier Unternehmen. Der Marktanteil der drei führenden AFPs beläuft sich hinsichtlich der Mitglieder auf über 70 Prozent. "Zudem ist das Portfolio der AFPs bei allen ungefähr gleich", sagt Pedro Corona, Geschäftsführer des Rentenfonds Caprum. Grund ist ein Gesetz. "Wenn die Rentabilität eines Fonds zu stark vom Schnitt abweicht, wird der Fonds geschlossen." Corona fordert daher weniger staatliche Kontrolle. Dadurch nehme die Konkurrenz unter den AFPs zu. "Auch Banken und Versicherungen müssen für das private Rentengeschäft zugelassen werden."

"Trotzdem war der frühe Wechsel zum kapitalgedeckten System sinnvoll", meint Bustamente. Das alte System war in 100 unabhängige Rentenprogramme zersplittert, das ungerechtfertigte Privilegien enthielt. Siebzig Prozent der Rentner erhielten nur die Mindestrente, die unter dem Existenzminimum lag. Auch die zunehmend alternde Bevölkerung Chiles hätte das alte Umlageverfahren letztlich nicht mehr auffangen können.

Allerdings wird knapp die Hälfte der Bevölkerung immer noch nicht vom privaten Fondssystem erfasst. Viele sind unterbeschäftigt oder arbeiten im informellen Sektor. So erreichen auch heute 60 Prozent der Arbeitnehmer nicht die Mindestrente von 210 Mark. "Der Staat muss also draufzahlen", sagt Bustamente. Daneben kommt der Staat auch noch für die Rentenansprüche auf, die aus dem alten Umlagesystem erwachsen. Denn nicht alle Arbeitnehmer haben sich 1983 zu einem Wechsel entschieden. Und dies, obwohl der Eintritt in das neue System wurde durch eine beträchtliche Senkung des Beitragssatzes stark gefördert wurde. Während es im neuen System nur zehn Prozent des zu versteuernden Einkommens sind, beträgt der Satz im Umlagesystem 20 Prozent. Neu in den Arbeitsmarkt Eintretende müssen dem neuen System beitreten. Daher wird das alte Umlagesystem ungefähr im Jahr 2025 erloschen sein. Heute sind rund 75 Prozent der Arbeitnehmer Mitglieder im neuen System.

Der Übergang zum neuen Rentensystem erstreckt sich über ein halbes Jahrhundert. "So können die Kosten der Reform über 50 Jahre verteilt werden," sagt Bustamente. Denn der freiwillige Wechsel zum neuen System hat Konsequenzen für den Staatshaushalt. So bekommt der Staat immer weniger Beiträge, mit denen er die Renten nach dem alten System finanziert kann.

Ein Haushaltsüberschuss im Jahr 1981 erleichterte jedoch den Systemwechsel. Als weitere Maßnahme hat die chilenische Regierung drastisch die Mehrwertsteuer erhöht und Staatsbesitz privatisiert. Als Entlastung für die Arbeitnehmer erhöhte sie gleichzeitig die Bruttolöhne um 17 Prozent. Dem stimmten die Arbeitgeber zu, da sie keine Rentenbeiträge mehr für ihre Mitarbeiter zahlen müssen.

Neben den privaten Rentenkonten können die Chilenen zusätzliche Sparkonten anlegen. Die Möglichkeit, freiwillig für das Alter zu sparen, nutzen bisher nur Wenige. Diese zusätzlichen Rentenersparnisse sind wie die Pflichtbeiträge einkommensteuerfrei. Erst die ausgezahlten Renten werden besteuert.Aus der Tagesspiegelserie "Rentensysteme im Vergleich"

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