Politik : Das Dänenopfer

Von Malte Lehming

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Dänen wissen, was Solidarität ist. Sie haben der Welt ein leuchtendes Beispiel dafür gesetzt. Als die Nationalsozialisten auch im besetzten Dänemark alle Juden verpflichteten, den gelben Stern zu tragen, wehrten sich Tausende gegen die Stigmatisierung, darunter König Christian X. Sie hefteten sich den Stern einfach selbst an. Als ab Oktober 1943 die ersten dänischen Juden deportiert werden sollten, wurden viele von ihnen versteckt und von Fischern nachts über die Ostsee ins sichere Schweden gebracht. Nächstenliebe und Zivilcourage: In Dänemark hat das Tradition.

Nun stehen alle Dänen im Visier radikaler Islamisten. Die sind aufgebracht darüber, dass es eine kleine dänische Zeitung gewagt hatte, zwölf Mohammed-Karikaturen zu publizieren. Dänische Waren werden boykottiert, Botschaften in Brand gesteckt, Imame fordern, die Urheber zu köpfen, es gibt Tote. Längst hat die Zeitung sich für den Abdruck der Karikaturen entschuldigt, doch den Furor scheint das eher angestachelt zu haben.

Und wie reagiert Europa, der Westen? Gemischt. Einige Zeitungen drucken die Karikaturen nach, andere nicht. Einige Regierungen verurteilen die Gewalt, andere halten sich bedeckt. Alle plädieren für Mäßigung und Dialog. Am distanziertesten sind Briten und Amerikaner. Der Abdruck der Karikaturen sei „beleidigend“, „inakzeptabel“ und eine überflüssige Provokation gewesen, heißt es in London und Washington. Religiöser Hass sei geschürt worden. Ex-Präsident Bill Clinton diagnostiziert in Europa gar ein „antiislamisches Vorurteil“ und stellt es in eine Reihe mit früheren „antisemitischen Vorurteilen“. Haben die Dänen also selbst Schuld an der Randale?

Allein diesen Verdacht zu äußern, ist eine Schande. Eine Frau wird vergewaltigt – und als Erstes wird die Frage diskutiert, ob sie womöglich zu aufreizend angezogen gewesen sei. Das Opfer habe den Täter halt provoziert. Übertragen auf den Karikaturenstreit: Anstatt den bedrängten Dänen zu Hilfe zu eilen, was ein intakter moralischer Kompass zwingend gebietet, werden sie für ihr Schicksal selbst verantwortlich gemacht. „Von Bush und Blair verraten“ titeln dänische Zeitungen bereits, zutiefst enttäuscht.

Für die US-Regierung, die bei jeder Gelegenheit die Freiheitsrhetorik bis zum Floskelverdacht strapaziert, ist das offizielle Gestammel zum Karikaturenstreit eine Blamage. Wie geht das zusammen – die Demokratie mit militärischer Gewalt in den Nahen Osten exportieren, aber den Dänen das Recht auf freie Meinungsäußerung versagen? Und was bedeutet dem Präsidenten ein Partner? Wer immer sich im Irakkrieg auf seine Seite stellte, hat entweder nichts davon gehabt oder wurde bestraft. Jeder Pole muss immer noch ein Visum beantragen, wenn er die USA besuchen will. Der Spanier Jose Maria Aznar wurde abgewählt. Über die soldatischen Leistungen der Ukrainer wird in US-Zeitungen gern gespottet.

Vielleicht war der Abdruck der Karikaturen tatsächlich eine unnötige Provokation. Aber diese Debatte ist von vorgestern. Seit der von radikalen Muslimen bewusst betriebenen Eskalation des Konflikts ist sie irrelevant geworden. Nicht mehr die Karikaturen sind der Skandal, sondern die brutalen Reaktionen auf sie. Mag sein, dass die US-Regierung – Stichwort Irak, Iran, Hamas – schlicht Angst vor einer weiteren Front hat. Außerdem braucht sie islamische Verbündete im Kampf gegen den Al-Qaida-Terror. Doch dürfen solchem Kalkül die Dänen geopfert werden? Das wäre makaber.

Dieser einfache moralische Sachverhalt wird in Großbritannien, den USA und Teilen Europas beharrlich ignoriert. Dabei zeugt ein Übermaß von Verständnis allein für die gekränkte islamische Seele entweder von Feigheit oder pädagogisierender Hybris. Über die Gewaltbereitschaft vieler Muslime sind wir entsetzt. Bestürzend aber ist auch, dass der „Westen“, der doch angeblich dieselben Werte teilt, in dieser fundamentalen Frage seines Selbstverständnisses keine gemeinsame Sprache findet. Im Ernstfall entpuppen sich die ach so wehrhaften Demokratien als ratlos, uneins, verschämt. Mindestens ebenso schwierig wie ein Dialog mit den Muslimen ist offenbar das Gespräch mit uns selbst.

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