Politik : Das darf nur Schmidt

Malte Lehming

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Sein rechtes Ohr ist taub, auf dem linken hört er schwer. Im Dezember wird Helmut Schmidt 85 Jahre alt. Da sitzt er nun, im Foyer der Residenz des deutschen Botschafters in Washington, allein, etwas erschöpft, in der Hand die obligatorische Menthol-Zigarette. Das Abendessen zu seinen Ehren ist beendet. Und Schmidt war in Hochform. Er hat die Gäste unterhalten, gefesselt, amüsiert. Er ließ die vier US-Präsidenten Revue passieren, mit denen er als Bundeskanzler zu tun hatte. Und dann bekommt wieder jeder, der es verdient, sein Fett weg. Ob Bush, Schröder oder Chirac – sie alle hätten im Vorfeld des Irak-Krieges versagt. Die Amerikaner erinnert Schmidt an den Zwei–plus–vier-Vertrag, mit dem Deutschland souverän wurde. Darin stehe ausdrücklich, dass die Bundeswehr nur im Einklang mit der UN-Charta eingesetzt werden darf. Der Irak-Krieg indes sei ein klarer Verstoß gegen die Charta gewesen. Das sitzt. Schmidts Freund Alan Greenspan, der Chef der mächtigsten Bank der Welt, setzt sich zu ihm. Auch er ist mit 77 Jahren nicht mehr der Jüngste. Aber Greenspan setzt sich nicht etwa auf einen der Sessel, sondern auf einen Glastisch Schmidt direkt gegenüber. Fast eine Stunde lang reden sie. Es ist ein Bild, das jedem Beobachter eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Zwei alte Männer, zwei Legenden. Keiner setzt sich hinzu. Der Respekt ist größer als die Neugier. Im „Westin Embassy Row Hotel“ hält Schmidt am nächsten Tag einen Vortrag. Die Rede muss per Video in den Vorraum übertragen werden, so viele sind gekommen. Applaus beim Einzug des Ex-Bundeskanzlers, stehende Ovationen nach Ende seiner Rede. Hart kommentiert er die Nahost-Politik der Bush-Administration, geißelt gelegentliche „verbale Arroganz“, spricht über die „imperialistischen Elemente“ in der US-Außenpolitik. Kein anderer deutscher Politiker dürfte hier solche Sätze sagen, ohne einen Entrüstungssturm zu entfachen. Schmidt darf. Er will bald ein Buch über Amerika schreiben. Deshalb ist er eigentlich hier. Vielleicht sei dies seine letzte USA-Reise gewesen, sagt er später. Aber das hatte er schon bei seinem letzten Besuch gesagt.

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