Politik : Das Ende der Zerknirschung Von Hermann Rudolph

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Sein Osterei hat Berlin schon eine Woche vor dem Fest bekommen. Es war die Rede des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Oettinger, mit der er der Stadt Mut zu ihrer Hauptstadt-Rolle und zu sich selbst zusprach. Bereits vorher hatte der „Spiegel“ die Stadt mit einer Titelgeschichte überrascht, die ihr Comeback als Weltstadt feierte. Nehmen wir hinzu, dass gegenwärtig die Berliner Unternehmer ein Stimmungshoch registrieren, so könnten den Berlinern die Ohren klingen. Ist die Stadt, seit Jahren in einer depressiven Phase, über den Berg? Das Stadtgefühl, gut österlich, vom Eise befreit?

Es hätte nicht die Nachrichten vom Ausverkauf städtischer Wohnungen und deren Folgen für die Mieter gebraucht, um Berlin wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen. Zumindest die Kennziffern über die Lage der Stadt zeigen, wie weit entfernt sie von dem Ziel ist, den Hauptstadt- und Metropolen-Anspruch einzulösen. Ja, die Wirtschaft wächst, stärker als in den letzten Jahren, aber der Zuwachs liegt noch immer unter dem Bundesdurchschnitt. Ja, die Zahl der Beschäftigten hat sich erhöht, in diesem Fall sogar mehr als in den anderen Bundesländern, aber weit weniger, zum Beispiel, als in Hamburg. Man soll die Zahlen nicht herunterreden, man kann ihnen sogar eine rosa Schleife wg. begründeter Hoffnungen umbinden, aber man lügt sich in die Tasche, wenn man daraus für Berlin schon eine Wende hochrechnet.

Aber Berlin wird anders wahrgenommen, vielleicht sieht es sich auch selbst anders. Seine Akzeptanz als Hauptort der deutschen Politik, der Umstand, dass alle irgendwie hierherwollen, Verbände, Kongresse, Hauptversammlungen – was Berlin mindestens zur Hauptstadt der Zweitwohnungen macht –, dazu der Touristen-Boom: Das alles bugsiert die Stadt aus der Bashing-Zone heraus, in die sie in den letzten Jahren immer wieder geriet. Es wächst die Erkenntnis, was die Republik an der Stadt haben könnte. Hat hier die Republik nicht den Repräsentationsplatz, auf dem sie sich der Welt stellen kann? Ist sie hier nicht – wie nirgendwo sonst – in Tuchfühlung zu der Geschichte, im Ringen mit der sie zu einem aufgeklärten Gemeinwesen herangewachsen ist? Ist die Hauptstadt nicht der Ort, wo die Länder und Regionen, die die Bundesrepublik bilden, das Gefühl erleben können, in ihrer Vielfalt eins zu sein?

Jedenfalls ist Bewegung in dem Bund-Länder-Berlin-Verhältnis, und es ist durchaus kritische Sympathie, die sie trägt. Die Stadt täte gut daran, ihren Part in diesem komplizierten und gewöhnungsbedürftigen Beziehungsgefüge aufmerksam zu definieren. Was heißt, der Neigung zu widerstehen, sich als einsam und unverstanden darzustellen. Das reizt nur die Berlin-Vorbehalte, die es – siehe die Reaktionen auf das Verfassungsgerichts-Urteil zu seiner Finanzsituation – nach wie vor gibt. Stattdessen käme es darauf an, dass die Stadt sich aktiv und konstruktiv an den wichtigen Aufgaben beteiligt, die in Bezug auf ihre Zukunft gegenwärtig anstehen: der Ausgestaltung der Hauptstadt-Formel und der zweiten Runde der Förderalismus-Reform. Auch kann Berlin eine fairere Lösung seiner hauptstadtbedingten Zusatzkosten beanspruchen. Aber was, beispielsweise, den Regierungsumzug der in Bonn gebliebenen Ministerien angeht, so kann die Stadt beruhigt die Zeit und die öffentliche Meinungsbildung für sich arbeiten lassen. Irgendwann wird er ihr zufallen.

Das hilft, zugegeben, Berlin noch nicht sehr weit heraus aus seiner Heißluftballon-Existenz als Politik-, Medien- und Event-Stadt. Berlin ist auf diese Weise zwar in den letzten Jahren in den Glanz bundesweiter Aufmerksamkeit aufgestiegen, hat sonst aber, sieht man von Kultur und Wissenschaft ab, nach wie vor nicht viel unter den Füßen. Aber da kann man ohnedies nur darauf setzen, dass die Situation, in die die deutsche und die europäische Vereinigung Berlin gebracht hat, ihre Wirkung tut – und dass die Zeit der Stadt ihre Chancen gibt. Mag sein, dass ein Hauch dieser Aussicht gegenwärtig die Stadt streift und das Heraustreten aus der Zerknirschung bewirkt.

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