Politik : Das Ende von Tschernobyl: Anfahren, um abzuschalten

Thomas de Padova

Eigentlich war selbst der letzte der vier Reaktoren des ukrainischen Atomkraftwerks in Tschernobyl wegen technischer Störungen in den vergangenen Wochen nicht mehr in Betrieb. Jetzt wurde er trotzdem wieder auf geringe Leistung hochgefahren - damit es am heutigen Freitag überhaupt etwas zum Abschalten gibt, meinten die Ingenieure. Wie es Präsident Leonid Kutschma auf westlichen Druck hin versprochen hatte, soll das marode Atomkraftwerk nun endgültig vom Netz gehen. Um 12 Uhr soll in der Schaltzentrale das Ende der Atomanlage besiegelt werden, in der sich 1986 die größte Katastrophe in der Nutzung der Kernenergie ereignet hatte.

Als am 26. April 1986 das Atomkraftwerk Nummer Vier in Tschernobyl explodierte, stieg eine radioaktive Wolke bis zu fünf Kilometer hoch aus den brennenden Trümmern auf. Mit ihr breiteten sich der radioative Niederschlag und die Angst um die eigene Gesundheit binnen weniger Tage über ganz Europa aus. Erhöhte Strahlenwerte wurden zunächst in Schweden, später auch vor unseren Haustüren gemessen.

Die gesundheitlichen Folgen der Reaktorkatastrophe lassen sich auch heute nur schwer abschätzen. Sicher ist, dass in unmittelbarer Nähe des Reaktors 31 Menschen in den ersten Tagen nach dem Unfall starben. Weitere 200 Menschen erlitten akute Strahlenschäden. Unter den rund 600 000 "Liquidatoren", die in den Monaten nach dem Unglück unter anderm am Bau einer Schutzhülle um den Reaktor beteiligt waren, traten Angaben russischer Forscher zufolge Schilddrüsenkrebs, möglicherweise auch Leukämie häufiger auf.

Besonders betroffen waren Kinder und Jugendliche in den stark kontaminierten Gebieten. Bis 1998 erkrankten in der Ukraine und Weißrussland 2435 der damals bis zu17jährigen an Schilddrüsenkrebs - fast drei Mal so viele wie zuvor in diesen Regionen.

Die radioaktive Strahlenbelastung blieb aber nicht auf die direkte Umgebung von Tschernobyl begrenzt. Aufgrund der Wetterbedingungen erreichten radioaktive Niederschläge schnell Skandinavien. Einen Tag nach ersten Messungen in Schweden wandte sich der für Umweltfragen zuständige Bundesinneminister Friedrich Zimmermann (CSU) mit der Botschaft an die Deutschen, ihre Gefährdung sei "absolut auszuschließen". Tschernobyl sei 1800 Kilometer entfernt.

Noch am selben Tag wurde die radioaktive Wolke erstmals in Westberlin und Braunschweig gemessen. Tags darauf regneten radioaktives Jod 131 und Cäsium 137 in Gewittern auf Bayern nieder. Die Forscher konnten allerdings bald abschätzen, dass die Strahlenbelastung in Deutschland zu gering war, um irgendwelche Gesundheitsschäden in der Bevölkerung nachweisen zu können.

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