Politik : Das Ende von Tschernobyl: Um jeden Preis

Robert Birnbaum

Am Morgen des 27. April 1986 hatte Manfred Petroll unangemeldeten Besuch. Im Büro des Atomforums im Bonner Tulpenfeld standen einige Herren von der russischen Botschaft und erbaten Rat: Ob sich in Deutschland jemand mit Graphit-Bränden auskenne? Petroll blieb der Mund offen stehen. Er kannte die Berichte von der Rauchwolke, die seit dem Vortag über dem ukrainischen Tschernobyl stand, und von der radioaktiven Strahlung, die der Ostwind nach Europa trug. Der Sprecher des Atomforums wusste auch, dass die vier Tschernobyl-Reaktoren um ihren Kern einen Mantel aus Graphit trugen. Die hilflosen Herren vor ihm bestätigten alle Befürchtungen: Der Super-GAU war eingetreten.

Übrigens konnten die Deutschen damals nicht mit Rat dienen. Doch die Szene ist symptomatisch für den Umgang mit Tschernobyl und den Folgen geblieben. Vom ersten Tag an war klar, dass die Sowjetunion - und später ihre Nachfolger - auf westliche Hilfe angewiesen waren. Und der Westen hat lernen müssen, dass er sich die symbolträchtige Abschaltung der Anlage in Tschernobyl erkaufen musste. Denn die Ukraine dachte gar nicht daran, die Atommeiler stillzulegen, die rund fünf Prozent des Stroms für das Land produzieren.

Selbst weitere Unfälle beeindruckten die Verantwortlichen nicht - etwa 1991 ein Brand im Maschinenhaus, der den Block 2 zwangsweise stilllegte. Zwar tickerten jahrelang regelmäßig Meldungen über die Nachrichtenagenturen, Tschernobyl werde nun doch abgeschaltet. Doch genauso regelmäßig folgte die Kehrtwende: Mal war das Parlament dagegen, mal die Regierung.

Der Westen seinerseits hatte 1992 beim G-7-Wirtschaftsgipfel in München ein erstes umfassendes Programm mit dem Ziel verabschiedet, die unsicheren Ost-Atommeiler nachzurüsten und besonders gefährliche Anlagen stillzulegen. Ernsthaft begann der Poker um Tschernobyl 1994. Präsident Leonid Kutschma bot an, die Anlage abzuschalten - wenn der Westen für Ersatz sorgt. Deutschland und Frankreich griffen im gleichen Jahr beim EU-Gipfel in Korfu und beim G-7-Treffen in Neapel das Angebot auf: Ein "Aktionsplan Ukraine" wurde eingeleitet.

Entscheidend wurde das Jahr 1995. Im April brachten Verhandlungen der G-7 mit Kutschma den Durchbruch. Der Ukrainer sagte zu, die Tschernobyl-Meiler spätestens 2000 abzuschalten. Als Alternative brachte Kutschma den Bau dreier Gaskraftwerke ins Spiel, geschätzte Kosten inklusive Brennstoff für zehn Jahre: 4,75 Milliarden Dollar. Die G-7 lehnte geschlossen ab, ebenso die internationalen Kreditinstitutionen: Dies sei die wirtschaftlich ungünstigste Lösung.

Das Memorandum of Understanding, das G-7 und Ukraine im Dezember 1995 in Halifax unterzeichneten, sieht denn auch einen anderen Weg vor - West-Geld für die Fertigstellung der Atommeiler Khmelnitzky-2 und Rowno-4, kurz K2R4. Beides russische Reaktoren, die mit West-Sicherheitstechnik aufgepäppelt werden sollen.

Vergeblich haben Vertreter der rot-grünen Bundesregierung in den letzten zwei Jahren versucht, diese Entscheidung rückgängig zu machen. Die Antwort in Kiew war stets die gleiche: Vertrag ist Vertrag. Und übrigens sei bei Gaskraftwerken die Abhängigkeit vom Lieferanten Russland zu groß. Das gilt zwar als vorgeschobenes Argument. Aber K2R4 erscheint aus ukrainischer Sicht als das einzige Projekt, das halbwegs sicher finanziert ist. "Die glauben einfach nicht, dass wir für andere Dinge Geld geben würden", sagt die Grünen-Umweltexpertin Michaele Hustedt, die Anfang Dezember in Kiew war. Dabei gäbe es andere Dinge anzupacken in der postsowjetischen Tristesse der ukrainischen Energiewirtschaft. Keine Zähler, keine Wärme-Isolierung; gerade hat ein Eissturm 14 000 morsche Leitungsmasten geknickt und ganze Regionen stromlos gemacht. Bis zu 65 Prozent der Energie verpuffen nach Berechnung heimischer Experten buchstäblich in die Luft. Das Land, sagt Hustedt, brauche keine Reaktoren, sondern Heizungsthermostate.

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