Politik : Das erste Sozialforum in Erfurt: Schleppender Auftakt, wenige Teilnehmer

Rudolf Weber

Erfurt - „Schröder hat die SPD kaputt gemacht.“ Lothar Großer war schon vieles in seinem Leben. Er war Kapitalist im Sozialismus, ist Inhaber zahlreicher Patente für Drehschalter, wurde enteignet. Nach der Wende schloss er sich den Sozialdemokraten an. Und seit gut 18 Monaten ist der 77-jährige Erfurter Mitglied bei Attac: „Geld ist wertvoller geworden als Menschenleben. Mit Geld wird Machtpolitik gemacht – zunehmend gegen die Interessen der Völker.“ Um seiner Kinder und Enkelkinder willen engagiert er sich auch auf dem Erfurter Sozialforum, als Ansprechpartner für die Medien.

Das erste Sozialforum in Deutschland will ein Raum der Begegnung sein, außerparlamentarisch und eigenverantwortlich. Doch es beginnt schleppend. Kaum hundert Zuhörer zieht es am Freitagmittag ins zentrale Veranstaltungszelt auf dem Domplatz. Reichlich tausend Zuhörer passten in das Zelt. Fünf Aktivisten des Koordinationskreises „Stoppt die Mauer in Palästina“ tragen ihr Anliegen vor, beschreiben die gigantischen Ausmaße des antipalästinensischen Schutzwalls und setzen das Bauvolumen der Sperranlage in Beziehung zur Berliner Mauer. Nicht alle hören zu.

„Die werden Veranstaltungen zusammenlegen müssen“, meint eine gepflegte ältere Dame. Gemeinsam mit einem Kollegen betreut sie den Info-Stand von Attac am anderen Ende der Innenstadt. „Es sind bis jetzt wenig Leute nach Erfurt gekommen.“ Auf 10000 Teilnehmer haben die Organisatoren gehofft. Und diejenigen, die hierher gefunden haben, müssen sich ungewollt mit einer thematischen Weiterung der Forums herumschlagen. „Ist doch klar, seit gestern reden hier alle nur noch von Neuwahlen“, sagt die Attac- Aktivistin. Und dabei immer auch ein wenig von PDS und WASG. „Die meisten hier werden wohl der WASG nahe stehen“, fügt die ehemalige Sozialdemokratin noch hinzu.

Teilnehmer und Organisatoren bemühen sich, die Parteipolitik außen vor zu halten. Der Sprecher der Vorbereitungsgruppe des Forums, Hugo Braun, warnt sogar vor einer „Beschädigung der Bewegung“, falls nicht Distanz auch zu den Parteien im linken Spektrum gehalten werde. Braun erinnerte im Vorfeld der 340 Veranstaltungen noch einmal an das Grundgesetz der internationalen Sozialforen, der Charta von Porto Alegre: „Repräsentanten von Parteien“ ist die Teilnahme an den weltweiten Treffen ausdrücklich untersagt. „Die größten Chancen auf gesellschaftliche Veränderungen bietet der außerparlamentarische Bereich“, meint auch Steffen Kachel vom örtlichen Organisationskomitee. Kachel weiß, wovon er redet. Bis 1994 war er innerparlamentarisch aktiv – als PDS-Abgeordneter im Thüringer Landtag.

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