Politik : Das Feuer eröffnet

Peter Schäfer

"Geht in Deckung", ruft der maskierte palästinensische Guerillakämpfer in einer Seitengasse der Altstadt Ramallahs, "seid ihr denn verrückt geworden?" Die angesprochene Gruppe Jugendlicher duckt sich hinter eine Mauer. Gerade noch rechtzeitig. Die Maschinengewehrsalve eines Panzers auf der anderen Talseite, etwa 300 Meter entfernt, zischt über sie hinweg. Ein mit dem schwarz-weißen Palästinensertuch maskierter Mann spurtet auf den Rufer zu, drei weitere im Schlepptau. Sie beraten sich leise und scheinen ratlos. Sie sind gekommen, um gegen die israelische Armee zu kämpfen. Deren Truppen rücken am Samstagabend weiter auf das Zentrum der Stadt im besetzten Westjordanland nördlich von Jerusalem vor. Daraufhin eröffnen militante Palästinenser das Feuer.

Die Panzer werden nun aus unmittelbarer Nähe beschossen. Die russischen Kalaschnikows, die Bewaffnung der Palästinenser, sind am Geräusch leicht auszumachen. "Dort, aus dem verlassenen Haus schießen sie", ein Passant deutet aufgeregt auf die andere Seite des Tals. Die israelischen Soldaten nehmen das Haus sofort mit ihrer Panzerkanone unter Feuer. Es kracht ohrenbetäubend. Das schwere Maschinengewehr, dessen einzelne Schüsse vom menschlichen Ohr kaum zu unterscheiden sind, schließt sich an. Von drei Seiten aus wird das Viertel nun beschossen. Panzermotoren dröhnen.

"Macht, dass ihr nach Hause kommt", ruft der Passant. Aber das ist nicht so einfach. Die Bewohner der dreistöckigen Häuser in Schusslinie haben sich hinter Gebäuden versteckt. Jeweils an die dreißig Menschen drängen sich zusammen, um den Soldaten kein Ziel zu bieten. "Hier sind wir sicherer als drinnen", hofft einer. "Eine Hauswand bietet keinen Schutz gegen ein Maschinengewehr, gegen die Kanone schon gar nicht."

"Oh Gott, oh Gott, hilf uns", wimmert eine alte Frau immer wieder. Sie liegt auf dem Boden und wird von Familienangehörigen beruhigt.

Die Häuser in der Frontlinie dieser Straße im zentralen Ain Misbah-Viertel sind keine geschlossene Reihe. Dazwischen bewegen sich die Menschen, die nach Hause kommen wollen, geduckt oder kriechend fort. Palästinenserpräsident Jassir Arafat hat zwar Schüsse auf die israelischen Truppen verboten. Palästinensische Polizisten sind aber nicht zu sehen. Nur Krankenwagen des Roten Halbmondes, des islamischen Gegenstücks zum Roten Kreuz, haben sich in Position gestellt. Bei der ersten Feuerpause rasen sie mit Sirenengeheul los in Richtung der Panzer und kommen wenig später voll beladen zurück.

Einige Jugendliche kommen aus den Cafes, um sich das Spektakel zu betrachten. Als sie sehen, wie nahe die israelische Armee dieses Mal gekommen ist, drehen sie wieder um. Ihre Handys klingeln abwechselnd. "Ja, ich bin schon auf dem Weg", sagt einer im Schutz eines Hauseingangs, "mach dir keine Sorgen". Die wenigsten Mütter werden sich durch diese Aussage beruhigen lassen. Noch ist der Sohn nicht zu Hause.

Etwa 55 Prozent der Autonomiestadt Ramallah sind nach Angaben der palästinensischen Einwohner mittlerweile israelisch besetzt. Die Stadtteile A-Tireh, Beitunia, Balua und Irsal sowie alle Stadtausgänge werden vollständig von der israelischen Armee kontrolliert. Ihre Panzer stehen nur noch fünfzig Meter vom Hauptquartier Arafats entfernt. Der Palästinenserpräsident darf die Stadt Ramallah seit Anfang Dezember nicht mehr verlassen. Israel fordert, dass er zuerst 33 gesuchte Palästinenser festnehmen lässt. In Ramallah hatte die israelische Armee in der Nacht zum Samstag das Gebäude des palästinensischen Rundfunks, der "Stimme Palästinas", gesprengt und weitgehend zerstört. Nicht einmal 24 Stunden nach der Militäraktion begannen die schweren Unruhen in der teilweise besetzten Stadt. Die "Stimme Palästinas" setzte die Sendungen am Wochenende aus örtlichen Studios mehrerer Privatsender fort.

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