Politik : Das Flüchtlingshilfswerk macht westliche Politiker für das Leid verantwortlich

Jan-Dirk Herbermann

Die UN schmücken sich gerne mit ihrem "großen Erfolg" im Kosovo. "Rund 850 000 Menschen wurden als Flüchtlinge betreut und in wenigen Monaten in ihre Heimat zurückgebracht", mit diesem Leistungsausweis eröffnet das Flüchtlingshilfswerk der Weltorganisation (UNHCR) seinen Ausblick auf das "neue Jahrtausend".

Sonstige gute Nachrichten haben die Genfer Helfer kaum zu vermelden. Die rund 22 Millionen übrigen Flüchtlinge werden den Jahreswechsel immer noch fern der Heimat verbringen. Genau wie etwa 22 Millionen Menschen, die innerhalb ihres eigenen Landes vertrieben wurden. Betroffen sind fast alle Regionen der Welt: Der Nahe Osten, Afrika, Südostasien, Lateinamerika.

In Europa und an dessen Rändern wurde 1999 als das Jahr mit den massivsten Flüchtlingsströmen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs registriert. Eine viertel Million Menschen aus Tschetschenien rettete sich vor dem Bombenhagel der russischen Armee ins benachbarte Inguschetien. Weitere 30 000 brachten sich nach Dagestan in Sicherheit. Viele müssen den eisigen kaukasischen Winter in Eisenbahnzügen, Zelten oder den vollgestopften Häusern ihrer Gastfamilien ertragen.

Während auf dem Balkan die heimgekehrten Kosovo-Albaner die Provinz total in Beschlag nehmen, sind rund 200 000 Serben in Panik geflohen. Die meisten fanden im jugoslawischen Kernland Unterschlupf. Dort verschärfen sie die katastrophale Situation: Die mehr als 700 000 Flüchtlinge der Milosevic-Kriege "haben Serbien zu einem der größten Flüchtlingsländer der Welt gemacht", wie Sadako Ogata, die UN-Flüchtlingskommissarin betont. Das geächtete Regime von Präsident Milosevic kriegt kaum die eigentliche Bevölkerung satt. "Wir haben zudem enorme Probleme, für diese unglücklichen Flüchtlinge Spenden zu sammeln", sagt Anne Willem Bijleveld, Europa-Direktorin des UNHCR. "Die Serben sind für viele Geber eben die Bösen."

Schwere Vorwürfe an die Regierungen der internationalen Gemeinschaft richtet auch der scheidende Präsident des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz, Cornelio Sommaruga: "Es ist ein Versagen der Regierungen, es ist ein Versagen der Politik und der religiösen Führer." Namen der Politiker, die versagt haben, nennt Sommaruga nicht. Eindeutig hingegen wurde UN-Chef Kofi Annan. Der UN-Generalversammlung präsentierte er einen ganzen Katalog Maßnahmen, mit denen humanitäre Katastrophen vereitelt werden sollen. Der Sicherheitsrat müsse rigoroser eingreifen, das existierende humanitäre Völkerrecht müsse konsequenter umgesetzt werden. Annan: "Natürlich ist das schwer. Es ist oft gegen politische oder andere Interessen gerichtet. Aber es gibt universelle Prinzipien, die über diesen Interessen stehen; der Schutz von Zivilisten ist eines dieser Prinzipien." Wie erwartet, handelte sich Annan eine schroffe Abfuhr aus Peking ein. Auch die Regierung in Moskau will von humanitären Interventionen nichts wissen. Darüber hinaus gehen Schätzungen von rund 20 Millionen Vertriebenen in den Ländern Afrikas aus.

Den vollständigen Bericht finden Sie unter der Internetadresse http://www.unhcr.ch

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