Politik : Das frühere Top-Model Waris Dirie will Verstümmelungen afrikanischer Mädchen verhindern

Katharina Voss

Am schönsten ist sie, wenn sie Geschichten erzählt. Auch wenn es grausame sind. Mit rollenden Augen und ausladenden Handbewegungen schilderte das ehemalige Top-Model Waris Dirie am Donnerstag in Berlin ihren Kampf gegen die Beschneidung von Frauen. Die eingeladenen Journalisten hingen förmlich an ihren Lippen: Seit drei Jahren kämpft die 33-Jährige als UN-Sonderbotschafterin gegen die traditionelle Beschneidung von Frauen in den Ländern Afrikas, die Genitalverstümmelung. Heute wird sie für ihre Arbeit mit dem Afrika-Preis der Afrika-Stiftung ausgezeichnet. "Es ist furchtbar. Keine Frau auf der Welt sollte so etwas erleben müssen", sagte Dirie auf einer Pressekonferenz mit Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul.

Rund 130 Millionen verstümmelte Frauen leben in Afrika, nach Schätzung der Vereinten Nationen kommen täglich 6000 beschnittene Mädchen dazu. Waris Dirie wuchs bei einem Nomadenstamm in Somalia auf. Im Alter von fünf Jahren entfernte eine traditionelle Beschneiderin hinter einem Dornbusch ihre Schamlippen und die Klitoris. Das Operationsbesteck: Glasscherben. Danach wurde das, was von den Schamlippen noch übrig war, zusammengenäht. Es dauerte Jahre, bis das Model später öffentlich über ihre Beschneidung und die Schmerzen danach sprechen konnte. Wer die elegante Frau heute sieht, kann sich kaum vorstellen, dass sie einst in der Wüste Holz sammelte und Rinder hütete. Die dunklen, gegelten Locken sind kurz geschoren, der dunkle Rollkragenpulli sitzt denkbar knapp und die hochhackigen Lederstiefel lassen die große Frau noch größer erscheinen. Souverän beantwortet sie die Fragen der Journalisten. Wo ihr Antworten fehlen, lässt sie ihren Charme spielen. Und lächelt - ein Spitzbubenlächeln, das gar nichts mit den gängigen Vorstellungen vom coolen Mannequin gemein hat. Der Weg vom Nomadenkind zum Supermodel begann mit den Heiratsplänen ihrer Familie. Und klingt wie eine Mischung aus Tausendundeiner Nacht und Aschenputtel.

Mit dreizehn Jahren lief Waris Dirie vor ihrem Vater davon, der sie mit einem alten Mann verheiraten wollte. Sie überlebte den Angriff eines Löwen in der Wüste und fand schließlich Unterschlupf in Mogadischu. Als Hausmädchen bei ihren Verwandten kam sie später nach London. Mit Gelegenheitjobs hielt sie sich dort über Wasser, bis sie von einem Fotografen entdeckt und zu einem der gefragtesten Models der Welt wurde. In einem Interview für ein amerikanisches Frauenmagazin sprach sie später zum ersten Mal über ihr Leben nach dem Eingriff. Da war sie bereits nach New York umgezogen und Mutter eines Sohnes. Das Presseecho war enorm, die Vereinten Nationen machten sie 1997 zur Sonderbotschafterin. Reisen, Pressekonferenzen und Vorträge bestimmen seitdem ihr Leben. Ihr Buch "Wüstenblume" erschien 1998 in Deutschland und stand wochenlang auf den Bestsellerlisten.

Für Waris Dirie ist ihr Leben heute "ein Wunder". Ein Wunder mit einem kleinen Schönheitsfehler: Da sie keinen richtigen Pass, sondern nur Ersatzdokumente besitzt, hat sie auch als UN-Botschafterin immer noch Probleme bei der Aus- und Einreiseformalitäten in vielen Ländern. Nach Deutschland ist sie trotzdem gekommen - es hat auf dem Flughafen nur etwas länger gedauert.

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