Politik : Das Gefühl von Verrat

Kellys Witwe greift den britischen Verteidigungsminister an

Matthias Thibaut[London]

Ihr verstorbener Mann habe es ihr immer wieder gesagt, „beim Frühstück, beim Mittagessen und beim Tee“ – nämlich dass er sich nach der öffentlichen Preisgabe seiner Identität betrogen und hintergangen gefühlt habe. Dies erklärte Janice Kelly, die Witwe des britischen Regierungswissenschaftlers David Kelly, am Montag vor der Untersuchungskommission des Lordrichters Brian Hutton. Das Verteidigungsministerium hatte Kellys Namen im Juli öffentlich gemacht. Die Vernehmung der Witwe des Biowaffen–Experten Kelly stand unter der Frage: Würde die 58-Jährige der Regierung von Tony Blair oder dem britischen Sender BBC die Schuld am Tod ihres Mannes geben? Janice Kelly blieb sachlich, und ihre Stimme war während der gesamten Befragung fest.

In seinen letzten Tagen war der auch in guten Zeiten wortkarge Kelly noch schweigsamer als sonst. Am 9. Juli erfuhr das Paar durch einen Journalisten der „Sunday Times", dass die Nennung von Kellys Namen in der Presse bevorstehe. Das Verteidigungsministerium riet Kelly, sofort das Haus zu verlassen. In nur zehn Minuten musste das Paar packen und sich ins ferne Cornwall aufmachen.

Als Kelly auf der Fahrt erfuhr, dass er vor einem Parlamentsausschuss öffentlich aussagen müsse, „flippte er aus". Er sei der Auffassung gewesen, dass er damit in der Öffentlichkeit abgekanzelt werden sollte. „Meine Frau nimmt alles sehr schlecht auf", hatte Kelly einem Kollegen erzählt. Sorgen über seine berufliche Zukunft, die Pension und das noch nicht abgezahlte Häuschen scheinen die Familiensituation belastet zu haben. Doch am Nachmittag der Vernehmung im Hutton-Ausschuss bestätigte Kellys Schwester Sarah, dass der Wissenschaftler von der Notwendigkeit eines Kriegs fest überzeugt war: „Er überzeugte unsere ganze Familie davon, dass es keine andere Möglichkeit gab". Am Wochenende war ein nie gedruckter Artikel Kellys bekannt geworden, in dem er die Irak-Politik Blairs voll unterstützt.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben