Politik : Das Geld muss teurer werden - die Geldmenge wächst. Die Sorge vor Inflation auch

Rolf Obertreis

Wenn der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) heute tatsächlich die Zinsen erhöht, gibt es dafür zumindest auf dem Papier einen wesentlichen Grund: Das immer stärkere Wachstum der Geldmenge M 3, das sich mehr und mehr von dem Referenzwert entfernt, den sich die EZB am Jahresanfang selbst gesetzt hat. Er liegt bei einer Rate von 4,5 Prozent. Im September allerdings wuchs M 3 im Vergleich zum Vorjahresmonat um 6,1 Prozent.

Dies bedeutet, dass Unternehmen und Verbraucher in Euroland mit mehr Geld versorgt sind, als die Notenbanker für ein inflationsfreies Wachstum eigentlich für notwendig erachten. Und das heißt, dass Unternehmer und Bürger mehr ausgeben können. Dadurch könnten die Preise steigen und die Inflation angeheizt werden. Deshalb müssen die Zentralbanker gegensteuern, die Zinsen erhöhen und damit das Geld so verteuern, dass weniger Mittel in den Wirtschaftskreislauf gepumpt werden.

Die EZB hat allerdings immer betont, dass es für sie keine Verpflichtung zu einer quasi mechanistischen Korrektur der Zinsen gebe, wenn die Geldmenge kurzfristig vom Referenzwert abweiche. Trotzdem ist die Geldmenge M 3 für die EZB eine, wenn auch nicht die alleinige Schlüsselgröße für ihre Geldpolitik. So war es auch bei der Bundesbank. Allerdings haben sich die Bundesbanker bei ihren Zinsentscheidungen sehr oft nicht daran gestört, wenn die Geldmenge aus dem Ruder lief. M 3 umfasst auch in Euroland den gesamten Bargeldumlauf, also Banknoten und Münzen. Dazu zählen auch täglich fällige Einlagen, Einlagen und Schuldverschreibungen mit einer Laufzeit von bis zu zwei Jahren, Einlagen mit einer Kündigungsfrist von drei Monaten, kurzfristige Refinanzierungs-Geschäfte der Banken sowie Geldmarktfondsanteile und Geldmarktpapiere.

Nun sind das die eher theoretischen Vorgaben der EZB. Wie sie damit faktisch umgeht ist eine andere Frage. Bundesbankpräsident Ernst Welteke hat durchblicken lassen, dass man sich im Frankfurter Eurotower über die Bewertung von M 3 nicht so recht einig ist. Außerdem betonen die Eurobanker immer wieder, dass sie nach zehn Monaten Euro noch Erfahrung sammeln müssten, auch mit Blick auf die Einschätzung der Geldmengendaten. Denn das Verhalten von Unternehmen und Verbrauchern zwischen Helsinki und Sevilla ist alles andere als einheitlich. Außerdem heißt es, dass sich viele Firmen, aber auch Privatleute derzeit mehr liquide Mittel halten als nötig, weil sie Probleme beim Jahrtausendwechsel fürchten. All das macht die Geldmenge M 3 zu einem Indikator, über den sich trefflich diskutieren lässt. Gerade dann, wenn - wie im Moment - trotz des starken M 3- Wachstums nach Aussagen der EZB keine Inflationsgefahren drohen.

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