Politik : Das Geschäft mit der Angst

Die Hotels in Amman verdienen gut an Journalisten und Helfern

Andrea Nüsse[Amman]

Bis vor kurzem war die jordanische Hauptstadt Amman ein ruhiges, fast verschlafenes Städtchen. Für westliche Diplomaten und Firmenvertreter war Amman ein beliebter, familienfreundlicher Posten: Das Land galt als sicher, das Leben war stressfrei, die Infrastruktur ist gut. Innerhalb der letzten Tage, mit dem näher rückenden Irak-Krieg hat sich dies grundlegend gewandelt: Westliche Ausländer, vor allem die Familien, verlassen in Scharen das Land.

Die meisten europäischen Familien sind schon außer Landes, auch das meiste Botschaftspersonal ist auf dem Weg. Großbritannien hat seine Staatsbürger zur Ausreise aufgefordert. Die Gefahr „terroristischer Angriffe" auf britische Staatsbürger inklusive „chemischer und biologischer" Waffen sei „hoch", hieß es. Die Europäische Union schickt alle restlichen „nichtessentiellen" Mitarbeiter am Mittwoch außer Landes. Dieser Massenexodus führt dazu, dass zahlreiche asiatische Hausangestellte arbeitslos werden, die Wohnungspreise sinken dramatisch. Die Unruhe wird angeheizt von Gerüchten: Die US-Luftwaffe wolle den jordanischen Luftraum für einen Angriff auf den Irak nutzen, Teile des Königshauses hätten das Land verlassen.

Daneben gibt es eine „Vökerwanderung" in entgegengesetzter Richtung: Zumeist arabische Bürger aus Bagdad, Kuwait oder anderen Golfstaaten kommen nach Amman, weil sie sich hier im Falle eines Krieges sicher fühlen. Auch Botschaftspersonal aus Bagdad verbringt die Kriegszeit in Amman. Mitarbeiter westlicher Hilfsorganisationen bevölkern seit Wochen die billigeren Hotels und möblierte Wohnungen in der Stadt. Sie bereiten sich auf einen Flüchtlingsstrom aus dem Irak und auf humanitäre Hilfe im Irak vor.

Nicht zuletzt ist Amman für hunderte Journalisten der Standort für die Berichterstattung über den Krieg geworden. Am Montag und Dienstag trafen zahlreiche Journalisten, die bis zuletzt aus Bagdad berichtet haben, in Jordanien ein, auch die ARD-Korrespondenten. Übersetzer, Hotels und Autovermieter machen dieser Tage die Geschäfte ihres Lebens. So hat der Irak-Krieg in Jordanien bereits zu großen Umwälzungen geführt, bevor er überhaupt begonnen hat.

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