Politik : Das Geschenk des Präsidenten

Regieren auf Aserbaidschanisch: Wie ein Dorf im Kaukasus einmal Besuch vom Staatschef persönlich erhielt – und dafür sogar eine neue Straße gebaut wurde.

von
Entbehrungsreiches Leben im Bergdorf: Zubair Bagirov, Schäfer. Foto: Claudia von Salzen
Entbehrungsreiches Leben im Bergdorf: Zubair Bagirov, Schäfer. Foto: Claudia von Salzen

Der Fortschritt ist eine asphaltierte Straße. Sie führt durch Schluchten und Täler und windet sich die steilen Berge des Kaukasus hinauf bis nach Xinaliq, ein Dorf in 2350 Meter Höhe. Hier, im höchsten bewohnten Ort Aserbaidschans, lehnen sich Steinhäuser an den Berg, Kinder spielen auf Wellblechdächern. 2000 Menschen leben in der kargen Berglandschaft, ein Kaukasusvölkchen, das eine eigene Sprache spricht. Sie halten Schafe, Kühe und Hühner.

„Das Leben hier ist sehr hart“, sagt Zubair Bagirov. Der 70-Jährige, in dessen Gesicht Sonne, Wind und Wetter tiefe Linien hinterlassen haben, hat zu Sowjetzeiten als Schäfer in der Kolchose gearbeitet. Jetzt bekommen seine Frau und er umgerechnet 200 Euro Rente. „Das reicht nicht zum Leben und nicht zum Sterben.“ Bagirov hat drei Kinder und acht Enkel. Arbeit für die jungen Leute gibt es nicht. Sie hätten oft Hunger, sagt er noch. Der alte Mann wünscht sich Hilfe von ganz oben: „Der Staat sollte kommen, unsere Kinder nehmen und für sie sorgen.“

Bagirov erinnert sich gut, wie Aserbaidschans Präsident Ilham Aliyev das Dorf 2006 besucht hat. Aus diesem Anlass wurde die Straße nach Xinaliq asphaltiert, 14 Millionen Euro soll sie gekostet haben. Vorher konnte man nur mit dem Pferd oder einem Geländewagen ins Dorf gelangen, jetzt kommen im Sommer Touristen in Kleinbussen. Seit dem Besuch des Präsidenten gibt es auch eine Militärstation, eine Schule und einen Hamam, berichtet Bagirov. Der Präsident ist im Fernsehen oft zu sehen, wenn er durchs Land reist und etwas einweiht, eine Schule, eine Straße, eine Fabrik. Doch der Hamam in Xinaliq verfällt langsam. Was sollen die Dorfbewohner auch mit einem Badehaus, wenn die Frauen das Wasser in Plastikkanistern herbeischleppen müssten? Der Präsident habe versprochen, dass die Probleme des Dorfes mit Wasser und Telefon gelöst würden, hieß es nach dem Besuch des Staatschefs in einem Medienbericht. Tatsächlich gibt es jetzt Telefon im Dorf – aber noch immer kein fließendes Wasser.

Und die Straße? Der teure Asphalt bröckelt bereits. Höchste Zeit für einen neuen Besuch des Präsidenten.

» Mehr Politik? Jetzt Tagesspiegel lesen!

Autor

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben