Politik : Das Gesetz der Moral

Von Malte Lehming

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Der Spruch der Justiz war ihr Todesurteil. Nun stirbt sie. Ihre Eltern haben resigniert. Die Politiker sind machtlos. Am Sonntag erhielt Terri Schiavo die letzte Heilige Kommunion. Der harte, tragische, brutale Kampf um ihr Leben ist zu Ende. Doch anderthalb Milliarden Christen, überall auf der Welt, beschäftigte ihr Schicksal. Fast jeder Osterprediger – ob in den USA oder Europa – hat den Fall thematisiert. Katholiken und Protestanten versuchten, eine gemeinsame Sprache zu finden. Wann zuvor hat ein Einzelschicksal uns dermaßen aufgerüttelt?

Es tut es noch. Schiavo mag sterben. Zu ihrem Erbe gehört, der Moral Gehör verschafft zu haben. Ihr Bild zwingt die amerikanische Nation, sich ihrer Werte zu vergewissern. Ist jedes Leben gleich und unantastbar? Hat auch der Mensch noch eine Würde, dem jedes Bewusstsein fehlt? Und wer soll die Entscheidung über den Willen eines Menschen haben, wenn dieser ihn nicht mehr äußern kann und nicht schriftlich fixiert hat?

Ausweichen kann man solchen Fragen nicht. Terri Schiavo ist jetzt ganz allein. Aber ihr Fall geht jeden an. Man kann vieles kritisieren, was die amerikanischen „Lebensschützer" um ihretwillen unternahmen. Der Ton war oft selbstgerecht und maßlos. Der anderen Seite „Barbarei“ und nazi-ähnliche Euthanasiegelüste vorzuwerfen, zeugt von Respektlosigkeit. Die Intervention des Kongresses war eine Anmaßung, die an Machtmissbrauch grenzte. Die Gesetzeslage war eindeutig. Kein anderer Richter in Florida hätte ein anderes Urteil fällen können.

Doch hätte Schiavo je die Welt bewegt, wenn der Diskurs über sie manierlich, sanft und kompromissbereit geführt worden wäre? Amerikaner bevorzugen den virulenten Streit. Eine klare Position ist ihnen lieber als das abgewogene Sowohl-als-auch. Wer klar ist, glauben sie, trägt zur Klärung bei. Und verstärkt werden solche Kontroversen durch eine religiöse Metaphorik, die den meisten Europäern fremd ist. Ob Abtreibung, embryonale Stammzellenforschung, Homo-Ehe oder „Sterbehilfe“: In Amerika haben moralische Ideologien längst die politischen ersetzt.

George W. Bush und den Republikanern ist vorgeworfen worden, den Fall Schiavo instrumentalisiert zu haben. Doch auch die Hälfte der Demokraten stimmte für eine Intervention. Wie schon die Debatte über die Stammzellenforschung gezeigt hat: In den modernen moralischen Diskursen verschwimmen oft die Grenzen zwischen rechts und links, konservativ und liberal, fromm und säkular. Und populär war Bushs Eingreifen überhaupt nicht: Eine deutliche Mehrheit der Amerikaner befürwortete die Entfernung der Magensonde.

Nein, in diesem Fall war der Präsident kein Antreiber, sondern der Getriebene. Der christlichen Rechten war es gelungen, die Haltung zu der Komapatientin Terri Schiavo in den Rang eines Glaubensbekenntnisses zu erheben. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns: Bush wurde an seinen eigenen Worten gemessen. Der Widerstand gegen die Tötung Schiavos kam von unten, aus der Basis. Ihren Höhepunkt erreichte diese Art Graswurzel-Revolution im vergangenen Jahr, als selbst der Papst dogmatisch verkündete, die Frau müsse weiter ernährt werden.

Muss einem bange sein vor der Macht dieser Bewegung? In Europa reduziert man Amerikas Religionseiferer oft auf Reizworte wie Homo-Ehe oder Abtreibung. Dabei ist deren Agenda weitaus umfassender. Viele Evangelikale wollen sich global einmischen. Ob Sudan, Uganda oder Nordkorea, Aids, Gefängnisreform oder Zwangsprostitution: Seit Jahren treiben sie auch traditionell „linke“, humanitäre Themen voran. Ihre jüngste Entdeckung: der Umweltschutz. Unter dem Motto „Die Schöpfung bewahren“ verabschiedete der Dachverband der Evangelikalen ein ambitioniertes Programm. Es ist gespickt mit Öko- und Dritte-Welt-Parolen. Selbst die „New York Times“ kommentierte: „When the Right Is Right“ – wenn die Rechte Recht hat. Das könnte als Resümee auch über dem Fall Schiavo stehen.

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