Politik : "Das Gesicht Europas": Was vom EWG-Spiel übrig blieb

Hella Kaiser

Als die Weichen für ein geeintes Europa gestellt wurden, lag der halbe Kontinent noch in Trümmern. Im September 1946 forderte Winston Churchill "eine Art von Vereinigten Staaten in Europa", und bald darauf nahm die Idee Gestalt an. Heute hat die Europäische Union 15 Mitglieder, und es werden immer mehr.

Auf den ersten Blick eine Erfolgsgeschichte. Doch viel Grund zum Jubeln gibt es nicht. Nüchtern bilanziert Dirk Schümer, was aus den einstigen europäischen Blütenträumen geworden ist. In seinem Buch "Das Gesicht Europas" erzählt der FAZ-Korrespondent von Hoffnungen und Enttäuschungen, lobt richtige Entscheidungen und prangert zahlreiche Fehlentwicklungen an. "Es kann nicht funktionieren" schreibt er und fügt hinzu: "Aber irgendwie funktioniert es doch."

Während die Eurokratie entstand und der Kontinent von Italien bis Dänemark mit Autobahnen zugepflastert wurde, warb das Fernsehen auf rührende Weise für die geistige Annäherung der Nationen. Hans-Joachim Kulenkampff prüfte bei "Einer wird gewinnen" Euro-Wissen ab. Gemeinsame Kultur wurde beschworen, nationale Unterschiede sollten zugunsten einer europäischen Identität in den Hintergrund treten. Ein Europa wie aus einem Guss wurde gewünscht, und Brüssel gab und gibt die Form vor.

Der Autor führt seine Leser an jene Orte, an denen Europa gebaut, verwaltet und - gelebt wird. Ein politischer Reiseführer liegt vor. Brüssel, Rom, Frankfurt, Den Haag oder Bukarest sind einige der Stationen, an denen Dirk Schümer die Gegenwart analysiert.

Ungezählte Missstände zerrt der Autor bei seiner Inspektion von Städten und Regionen ans Licht. "Euroland droht zum Spielplatz des hemmungslosen Kapitalismus zu werden", mahnt er und fordert ein Umdenken auf vielen Gebieten. Eine vernünftige Verkehrsplanung mit Vorrang für die Eisenbahn sei überfällig, die unsinnigen Lkw-Lawinen dürften nicht länger das Maß der Dinge sein. Überreif sei die Zeit auch für eine durchdachte Einwanderungspolitik, wenn die Festung Europa nicht vergreisen solle. Die Eurokratie müsse "Ballast abwerfen" und die nationalen Entscheidungen sollten dort, wo es vernünftig ist, Vorrang haben.

Europa, das merkt man deutlich, liegt dem Autor am Herzen. Leider überfrachtet er die Kapitel oft mit nebensächlichen Details. Trotzdem bleibt das Buch empfehlenswert. Es zeigt die Vielschichtigkeit Europas und greift zahlreiche Ideen für einen politischen Wandel auf. Nur durch rasche und gründliche Reformen schließlich besteht die Chance, dass der Kontinent tatsächlich zusammenwächst.

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