Politik : Das geteilte Land

Caroline Fetscher

Das Jahr 2026? Auf der Zeitachse ist das gar nicht so weit von uns entfernt. Es mag uns erscheinen wie ein Sciencefiction-Datum, aber der heute Sechsjährige wird dann eben 26 Jahre alt sein, und immer noch ein sehr junger Mensch.

Was bedeutet: 2026 ist nicht irgendwann oder übermorgen. Es ist morgen und es fährt schon eilends auf uns zu, indes sich die Erde heiter weiter um ihre Achse und die Sonne dreht. Wir selbst können uns das nicht leisten. Gesellschaft und Kultur sind nicht Natur – wir müssen beides bewusst gestalten. Wenn also in diesem Jahr der Zukunft, 2026, wie uns Demographen in einer Expertise der Bundesregierung vorrechnen, mehr als die Hälfte aller Berliner Kinder einen so genannten Migrationshintergrund haben werden, wenn in den Schulklassen neben jedem Christian ein Mahmut sitzt, und neben jeder Charlotte eine Fatima, dann haben wir – und wissen das bereits jetzt – es mit einer anderen Welt zu tun. Es gibt dann, weder in Neukölln noch in Köln oder Stuttgart – keine kleinen „Parallelgesellschaften“ mehr, sondern zwei gleich große Teile einer Gesellschaft.

Damit ist recht klar beschrieben, worum es heute, für morgen, geht. Entweder wir meistern diese Herausforderung politisch, sozial, kulturell oder wir scheitern an ihr. Entweder wir leisten, in jedem derzeit praktisch wie metaphorisch denkbaren Sinn, einen klugen, prägenden, säkularen Rütli-Schwur auf Einheit, das heißt auf eine Gesellschaft, oder wir lassen die Dinge ins Dysfunktionale hineinschlampen.

Das zweite, das Negativszenario, ist an sich leicht auszudenken. Wir müssen nur von heute aus ein wenig hochrechnen, um uns vorzustellen, wie Ignoranz und Eskalationspotenzial einander in einer Teufelsspirale weiter gegenseitig hochschrauben. Dann haben wir keine „Banlieues“, keine Vorstädte und Stadtränder, an denen es brenzlig wird, sondern eine fragmentierte Zweiklassengesellschaft, die als Patchwork über die Republik verteilt ist. Halbalphabetisierte Chancenlose im drohenden Klassenclash und Bürgerkrieg gegenüber dem Rest des einstigen Mainstreams, der nur noch die Hälfte der Aktien an der Gesellschaft besitzt. Voraussetzung hierfür sind Passivität, Kurzsichtigkeit und das Verfolgen von Partikularinteressen – siehe die bizarren Debatten der vergangenen Jahre um Dosenpfand, Zahnersatz oder 38-Stundenwoche versus 39-Stundenwoche und so fort.

Das Positivszenario erfordert mehr. Darin geht es um Beweglichkeit, das Lösen von Denkverboten und Gewerkschaftsblockaden, und vor allem anderen, um das Erfinden und das Erlernen von neuen Systemen der Integration, besonders an den Schulen. Im Grunde geht es um den Erhalt einer soliden, demokratischen Basis bei gleichzeitiger, massiver Erweiterung des Bevölkerungsspektrums. Es geht um eine Art gut gesteuerter Massenadoption all derer, die hier im Land auf der Wartebank der Zukunft sitzen, der Geborenen wie der Ungeborenen. Allein aus krudem Eigeninteresse am Erhalt des sozialen Friedens müssen unsere Bildungssysteme alles leisten und hergeben, was jedem Kind die Chance gibt, ein loyaler Citoyen oder eine loyale Citoyenne dieser Demokratie zu werden. Wo die Eltern kein Deutsch sprechen, wo demokratieferne Ideologien, Stereotypien und Denksysteme neben dem flachen Potpourri der Privatsender oder der virtuellen Welt von Videospielen die Sozialisation von Kindern bestimmen, muss das Bildungssystem gezielt, bewusst und massiv gegensteuern. Wir haben also ein Nation-Buildung im Inneren vor uns, das eine gelungene Mischung aus Disziplinierung einerseits und Großzügigkeit, Öffnung andererseits schafft, eine Sphäre und Atmosphäre echter Chancen.

All das ist möglich, und gerade die große Koalition in der Bundesregierung liefert den Hintergrund, auf dem diese Pläne jenseits vom Parteienautismus gedeihen könnten. Jetzt kommt es darauf an, dass in den Köpfen im Kabinett das Licht tatsächlich angeht.

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