Politik : Das glaubt uns doch keiner

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Rein statistisch betrachtet, ist Ostern nach Weihnachten das christliche Fest im Kirchenjahr mit der größten Besucherdichte pro Gottesdienst. Hier die Geburt Christi, dort dessen Auferstehung von den Toten nach der Verzweiflung des Karfreitag – das hat ein wenig vom auch für Ungläubige nachvollziehbaren Ablauf des menschlichen Lebens von der Wiege bis zur Bahre. Mit dem Gedanken an die Auferstehung allerdings haben auch viele gläubige Christen ihre Schwierigkeiten, erinnert uns gerade wieder eine Meinungsumfrage. Kein Wunder, das ist eben der Punkt, an dem sich Aufklärung und Glauben, Wissen und Hoffen reiben wie an keiner anderen Stelle im christlichen Koordinatensystem.

Unüberwindlich scheint der Zweifel aber nicht zu sein, zumindest hindert er eine wachsende Zahl von Menschen nicht, sich den Kirchen und dem Glauben wieder zuzuwenden. Warum das so ist? Die gängige Erklärung lautet, in Zeiten der Not würden die Menschen eben das Beten wieder lernen. Aber das klingt zu wohlfeil, so groß ist das Elend nicht. Nicht um Armut, um Begrenzung geht es. Die Zeit der Gewissheiten im materiellen Bereich ist vorbei, wohl unwiderruflich. Einmal ein Job, immer ein Job, Lehrstelle garantiert, sicherer Berufsweg, gute Rente, Urlaubs- und Weihnachtsgeld – alles, was die Generation der heute 60-Jährigen selbstverständlich fand, ist es nicht mehr: für die eigenen Kinder. So besinnen sich mehr und mehr Menschen auf einen christlichen Wertekatalog, der andere, dauerhaftere Gewissheiten vermittelt, auch wenn die alles andere als gewiss, sondern – Glaubenssache sind.

Junge Menschen, die sich als religiös bezeichnen, legen mehr Wert auf gute Bildung, sie sind nach eigenem Bekunden sozial, hilfsbereit, kinderfreundlich, verantwortungsbereit und politisch interessiert. Was war zuerst da, die Henne oder das Ei, die Religiosität oder die positive Lebenseinstellung? Es ist eigentlich gleich, das eine begleitet das andere. Das alles sind dauerhafte Werte. Auf sie zu blicken, hilft offenbar in einer Zeit, in der endliche Werte wie schneller beruflicher Erfolg nicht mehr so leicht erreichbar sind. Man könnte das auch so deuten: Wenn die materiellen Fundamente nicht mehr so weit tragen, wächst die Bedeutung der transzendenten.

Das eigentlich Überraschende an dieser Entwicklung ist, dass die Kirche selbst keine Macht mehr hat, dass sie keine Herrschaft mehr ausüben kann. Wer sich ihr zuwendet, tut es freiwillig. Mit der Kirche in Kontakt zu kommen oder zu bleiben, ist heute keine Frage des Überkommenen und des Status mehr, sondern der Überzeugung. Es hat auch nicht im Kern mit jener religiösen Leidenschaft und Euphorie zu tun, die der Tod von Johannes Paul II. und die Wahl seines deutschen Nachfolgers, Benedikt, auslösten, wenn beides auch half, eine latent vorhandene Strömung zu verstärken: hin zu mehr Mitgefühl und neuem Bewusstwerden der Kraftfelder, die die Beziehung zwischen Eltern und Kindern ausmachen, die von Familien und Lebensgemeinschaften abstrahlen.

Hinter all dem steckt keine missionarische Heilserwartung, keine überschäumende Erweckungsbewegung, vor allem keine religiöse Hysterie. Die stößt die Menschen in der Mitte Europas ab. Es geht um mehr Mit- und mehr Füreinander, auch um etwas Selbstbescheidung, ob einer daran nun glaubt – oder nicht.

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