Politik : Das große Spiel ist aus

Konrad Watrin

Welche Ironie angesichts der aktuellen Lage: Im Juli 1941 verweist der damalige US-Präsident die armen Wüstensöhne auf der Arabischen Halbinsel wegen einer Kreditanleihe an die Briten, die damals noch Schutzmacht am Persisch-Arabischen Golf sind. "Ist doch ein bisschen weit für uns", meint Roosevelt lakonisch in einer Notiz an die für Kriegshilfe zuständige Behörde der USA.

Die Vereinigten Staaten sind zu dieser Zeit in Saudi-Arabien noch nicht einmal diplomatisch vertreten. Und noch 20 Jahre später - als auf der Halbinsel ein Bürgerkrieg ausbricht, während die Welt auf dem Höhepunkt der Kubakrise am Rande eines Dritten Weltkriegs den Atem anhält - räumt Kennedy gegenüber dem britischen Premier Macmillan mit gleicher Nonchalance ein: "Ich weiß noch nicht einmal, wo das ist."

Er spielt auf den Jemen an, der wegen seines Öls nun umworben wird, wo der Südteil gegen den Norden kämpft und dabei von Nassers panarabischer Führungsmacht Ägypten unterstützt wird. Genau zehn Jahre danach, zu Beginn der 70er, sind die USA plötzlich zur entscheidenden, seit dem globalen Umbruch wiederum zwei Jahrzehnte später dann zur einzigen Ordnungsmacht geworden. Derweil hat Europa kaum mehr als Gehversuche in Nahost unternommen: Das große Spiel der Mächte scheint endgültig vorbei, wie auch die Kernthese des von L. Carl Brown edierten Sammelbandes lautet, in dem die Europäische Union praktisch nicht vorkommt.

Nationalgeschichte von gestern

Skizzen über die vier außerregionalen Großmächte - Großbritannien, USA, Russland und Frankreich (verfasst von dem in Paris lehrenden Remy Leveau) - leiten den Band ein. Allerdings reicht er nicht mehr an die jüngste Entwicklung unter Bush, Putin und Scharon heran. Auch fällt das von William B. Quandt (Princeton, davor National Security Council) verfasste Kapitel über die USA bemerkenswert knapp aus, gegenüber dem über die imperialen Briten (Roger Louis, Austin und Oxford). Zumal Quandt erst nach 1945 einsetzt und das Bohren der Amerikaner im Zuge ihrer Politik der open door seit Ende des Ersten Weltkrieges ebenso souverän außer acht lässt wie überhaupt fast jede nicht-englische Literatur. Verwunderlich ist ferner, dass der Name Europas oder einer seiner Institutionen nur auf einem Dutzend Seiten auftaucht, Folge des überkommenen, nationalstaatlich-diplomatiegeschichtlichen Ansatzes der Studie.

Russland bleibt aktiv

Die weiteren Teile sind untergliedert in die unmittelbar am eigentlichen Nahostkonflikt beteiligten Länder, die "weitere arabische Welt" (Irak, Marokko, Saudi Arabien) sowie in die nicht-arabischen Länder und ehemaligen Regionalmächte Iran und Türkei. Brown selbst trägt einen gut lesbaren Abriss über die kaum bekannte Diplomatie der kleineren Länder vom Libanon über die Scheichtümer bis Mauretanien bei.

Obgleich der Nahe Osten niemals wirklich von vitalem Interesse für Russland oder die UdSSR war, fällt dieser Part fast doppelt so breit aus wie das Kapitel über die USA. Vor einem Irrtum freilich warnt Alvin Z. Rubinstein (University of Pennsylvania) zu Recht: Das "Große Spiel" Russland vs. Ottomanen und Briten - West gegen Ost - mag zwar vorbei sein. Auch führte die viel beschriebene Implosion des Kommunismus zum Verlust von annähernd einem Viertel des einstigen Sowjetterritoriums, darunter erdölreiche Gebiete. Russland aber bleibe, wenn auch abgedrängt durch den neuen Staatengürtel, "ein wichtiger Akteur auf der größeren Nahost-Bühne".

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