Politik : "Das Haus am Meer": Grausame Verfolger, selbstlose Helfer

Peter Mosler

Als in den achtziger Jahren Lehrer und andere historisch interessierte Menschen die Geschichte der Juden am einem bestimmten Ort, in einem Dorf oder einer Kleinstadt, erforschten, war das zumeist auch eine aufregende ethnologische Erkundung. So etwas erwartet der Leser auch von der historischen Miniatur "Ein Haus am Meer", oralhistory eines sephardischen Juden aus Saloniki, aufgeschrieben von Rebecca Fromer.

Das Buch scheint umso interessanter, als die Griechen selbst bisher recht wenig Interesse an der Geschichte der Juden in ihrem Land zeigten. Saloniki, das erst 1912 griechisch wurde, war zuvor überwiegend von sephardischen Juden aus Spanien und Portugal bewohnt. Kein griechischer Schriftsteller hat je darüber geschrieben - außer Elias Petropoulos, der in Paris lebt. Er veröffentlichte 1983, also 40 Jahre nach der Deportation durch die Nazis, das Album "Die Juden von Saloniki-In Memoriam" und drängte auch auf die Errichtung einer Gedenkstätte, jedoch ohne Erfolg. Erst in diesem Jahr ist in Saloniki ein kleines jüdisches Museum eröffnet worden, und das Jüdische Museum Griechenlands der Hauptstadt Athen zeigt jetzt in Frankfurt am Main eine Ausstellung zur Geschichte der Juden in Hellas.

Flucht in die Freiheit

Das "Haus am Meer" birgt die Erinnerungen an eine glückliche, unbeschwerte Zeit von Elia Aelion, aber eben auch an die Jahre der unbarmherzigen Verfolgung durch die Deutschen. Aelion und seiner Gefährtin gelingt die Flucht nach Amerika, und als sie nach dem Krieg wieder zurückkehren, müssen sie erleben, wie Madame Boyer, der der Arzt Guillaume sein beträchtliches Vermögen anvertraut hatte, sich inzwischen im Hause des Doktors breitmachte. Aelion erlebte aber auch auf seiner Flucht uneigennützige Hilfe. Doch die große sephardische Gemeinde in Saloniki ist vertrieben und ausgelöscht.

Rebecca Fromer hat die oral history durch einen Anhang über Saloniki und den Holocaust in Griechenland ergänzt. Leider sind diese Seiten nur ein unzureichendes Postskript. Ein Buch, das uns mit Saloniki, "Madre di Israel", wie die Sepharden in ihrer Sprache sagten, und dem Schicksal seiner Bewohner bekannt macht, muss erst noch geschrieben werden.

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