Politik : Das Herz in der Hand

KARDIOLOGEN IN BERLIN

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Von Hartmut Wewetzer

Das Herz. Ein faustgroßes Organ, das unablässig und meist unauffällig seinen Dienst tut. An die 100 000 mal am Tag zieht es sich zusammen und entspannt sich wieder. Bis es irgendwann mit dem selbstverständlichen Funktionieren vorbei ist, das Herz zu stolpern und zu schmerzen anfängt. Jedes Jahr erleiden mehr als eine Viertelmillion Menschen in Deutschland einen Herzinfarkt. Ein Blutgefäß im Herzen verschließt sich, der Herzmuskel wird zur Wunde. Jeder Dritte überlebt die ersten vier Wochen danach nicht.

Die Behandlung des Herzinfarkts und seiner Folgen ist eine Wissenschaft für sich geworden. Dabei greifen die Kardiologen, deren europäische Fachgesellschaft sich dieser Tage in Berlin versammelt, auf ein immer feineres Instrumentarium zurück. Bei dem Berliner Kongress wird präsentiert, was das Herz eines Kardiologen höher schlagen lässt. Etwa speziell beschichtete Gefäßstützen. Sie sehen ähnlich aus wie die metallische Spiralfeder eines Kugelschreibers und können das kranke Blutgefäß im Herzen davor schützen, sich erneut zu verengen oder zu verschließen.

Das klingt visionär. Beinah, als könnte man die Krankheit ungeschehen machen. Man kann die Euphorie der Kardiologen gut verstehen, die ja mitunter schon fast zu Technikfreaks geworden sind. Nur, können wir uns diese hochentwickelte Medizin und ihren teuren Technikpark überhaupt noch leisten? Oder verselbstständigt sich die Technik – perfekt, aber unbezahlbar?

Zunächst: Auch Kardiologen sind dafür, dass mehr für die Vorbeugung getan werden muss. Denn so erfreulich die Nachrichten aus der Reparaturwerkstatt für beschädigte Herzen auch sind: Dabei darf nicht vergessen werden, dass die Therapie meist erst beginnt, wenn das Herz bereits chronisch geschädigt ist. Das Auto, das auf die Hebebühne kommt, hat schon einen verschlissenen Motor. Der kann allenfalls geflickt werden. Andersherum gesagt: Wer rechtzeitig vorbeugt, muss erst später zur Reparatur.

Prävention ist vor allem eine Sache jedes Einzelnen. Sie kann nicht einfach wie eine Pille geschluckt werden, sondern setzt Disziplin voraus. Gesunde, ausgewogene Ernährung, Verzicht aufs Rauchen, viel Bewegung und das Vermeiden von Übergewicht können helfen, das Herz länger gesund zu erhalten. Und kosten eher Kraft als Geld.

So vernünftig der Kampf mit den Zivilisationslastern und der richtige Umgang mit dem eigenen Körper ist, so wenig ersetzt Prävention die Therapie. Vorbeugung hilft, Krankheiten zu verhüten oder hinauszuschieben. Aber auch sie kann nicht verhindern, dass wir älter und irgendwann doch krank werden. Spätestens dann sind wir wieder bei den teuren Therapien.

Am Ende haben die Ärzte das Herz in der Hand. Man kann fühlen, ob es stark oder kraftlos ist, sagen erfahrene Chirurgen. Ob es energisch pumpt oder nur mit Mühe zu zucken scheint. Daraus lässt sich eine große Verantwortung ableiten: für einen technischen Fortschritt, der angemessen bleibt und nicht um seiner selbst oder persönlicher Vorteile wegen ins Laufen gebracht wird. Vor allem aber eine Verantwortung gegenüber dem Patienten. Dem mit dem starken und dem mit dem schwachen Herzen.

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