Politik : Das Ideal vom guten Leben

Dagmar Dehmer

Deutschland ist das Land, in dem man überall hinfahren kann - ganz ohne Tempolimit. "Das ist das indische Ideal vom guten Leben", sagt Meena Menon. Die freie Journalistin aus Bombay /Indien untersucht gemeinsam mit Batir J. Wardam, der für die Königliche Gesellschaft zum Schutz der Natur in Amman/Jordanien arbeitet, ob sich der Verkehr in Deutschland nachhaltig entwickelt. Menon und Wardam gehören zu einer Fachleute-Gruppe, die von der Heinrich-Böll-Stiftung den Auftrag erhalten hat, den Zustand der Nachhaltigkeit in Deutschland zu untersuchen. Das Projekt findet in Kooperation mit der Eine-Welt-Beauftragten des Landes Nordrhein-Westfalen und der Landesstiftung Leben und Umwelt in Niedersachsen statt. In zwei Monaten wollen die fünf Fachleute ihr Gutachten vorlegen.

Sie haben sich drei Schwerpunkte herausgegriffen: Verkehr, Energie und Landwirtschaft. Die Bilanz fällt durchwachsen aus. Bei der Energie sei Deutschland auf dem richtigen Weg meint Bernardo Reyes vom Institut für Politische Ökologie aus Santiago/Chile. Auch bei der Landwirtschaft gebe es positive Signale, sagt Jane Mumbi T. Ngige von der Grünen-Gürtel-Bewegung aus Nairobi/Kenia. Beim Verkehr sehen Meena Menon und Batir J. Wardam die größten Probleme. Positiv merkt Menon an, dass der öffentliche Verkehr in den Städten gut sei. Auf dem Land weniger: "Dort haben die Leute wohl wirklich den Eindruck, sie kommen ohne Auto nicht zurecht." Offenbar sei die Verbindung von Autofahren und dem Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxid (CO2) den meisten Menschen zu abstrakt. Jedenfalls bringen sie ihr individuelles Verhalten nicht mit der Klimaerwärmung in Zusammenhang.

Besser fällt die Bilanz bei der Energie aus. Bernardo Reyes lobt den Ausbau der erneuerbaren Energien als Beitrag zur Demokratisierung. Mit Windrädern im Besitz von Bauern oder Solaranlagen auf Privathäusern könnten die Bürger der Macht der großen Konzerne etwas entgegensetzen, sagt Reyes. Wie viel Macht die Energiekonzerne auch in Deutschland haben, hat Reyes in Garzweiler beobachtet. "Diese Leute sind genauso alleine, wie sie es in unseren Ländern wären", sagt er unter beifälligem Nicken. Sie hätten zwar Geld dafür bekommen, dass sie ihre Heimat verlieren, aber verloren sei sie doch trotzdem. Reyes wundert sich noch über etwas anderes. In der eben vorgestellten Nachhaltigkeitsstrategie der Regierung sei "die Effizienz sehr populär". Aber niemand rede vom rechten Maß, den Grenzen des Wachstums. Dabei verbrauchten 25 Prozent der Weltbevölkerung 75 Prozent der gesamten Energie. Deutschland gehöre zu den 25 Prozent. Trotzdem sei ein Verzicht zu Gunsten eines Drittels der Weltbevölkerung ohne jeden Zugang zu Energie gar kein Thema.

Reyes hat in Deutschland eine "zunehmend künstliche Landschaft" zu sehen bekommen. Ein Grund, warum die Deutschen ständig auf der Suche nach der wilden, ungezügelten Natur sind - selbstverständlich mit dem Auto oder dem Flugzeug. Sie finden sie zum Beispiel in Kenia. Jane Mumbi T. Ngige führt den Tourismus zumindest teilweise darauf zurück, "dass es in Deutschland kein Konzept für den Artenschutz gibt". In Kenia eine Selbstverständlichkeit: "Das ist unser Kapital." Abgesehen davon sieht Ngig positive Signale für eine nachhaltige Landwirtschaft in Deutschland. Probleme sieht sie, weil große Mengen Dünger und Pestizide eingesetzt worden sind, und diese Gifte zum Teil über lange Zeit im Boden bleiben. "Das könnte auch den ökologischen Landbau gefährden", sagt sie. Alles in allem findet sie die europäischen Probleme mit den Lebensmitteln allerdings "bizarr". Überproduktion war ihr bisher als sehr theoretisches Problem erschienen.

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