Politik : „Das ist die WM und nicht der Kalte Krieg“

Innenminister Schäuble über Polens Hooligan-Problem, den Schutz des iranischen Teams und die Abwehr von Terroranschlägen

-

Herr Schäuble, in dieser Woche wird in Ihrem Ministerium das WM-Sicherheitszentrum eröffnet. Vor wem haben Sie mehr Angst: vor Terroristen oder Hooligans?

Angst würde ich das nicht nennen. Ein Terroranschlag hätte eine andere Dimension als Ausschreitungen von Hooligans, da würde sofort ein Krisenstab zusammentreten. Wir haben derzeit keine konkreten Hinweise auf einen Anschlag. Bei Hooligans sieht es anders aus.

Welche Hinweise haben sie dort?

Hooligans sind keine Gefahr in der Bundesliga, eher in unteren Spielklassen. Um die WM-Stadien mache ich mir keine Sorgen, die sind gut gesichert. Wir werden es aber mit einer neuen Art von Fantourismus zu tun haben. Hunderttausende werden sich in den Innenstädten treffen.

Wie werden die Fanfeste gesichert?

Das entscheidet jede Stadt. Die Fanmeile am Brandenburger Tor wird eingezäunt und videoüberwacht. Unsere Beamten erkennen auf dem Bildschirm sofort, wo es hektisch wird. Überwachung schreckt ab. Auf jedem großen Platz muss man damit rechnen, gefilmt zu werden. Pech, wenn man gerade in der Nase bohrt.

Beleuchten Sie den Tiergarten?

Wir bauen keinen Mauerstreifen um das Fanfest. Das ist eine Fußball-WM und nicht der Kalte Krieg. Wenn sie Zehntausende wie am Flughafen durchchecken, müsste man 24 Stunden vor dem Anpfiff kommen. Das ist Quatsch.

Müssen Fans ihren Ausweis mitnehmen?

Besser wäre es. Fans dürfen von mir aus laut feiern und Jürgen Klinsmann ein Glas Weizenbier über den Kopf schütten – aber Gewalttäter werden wir aussortieren, auch mit Ausweiskontrollen. Wer Krawall will, wird keine Freude haben.

Aus Polen werden besonders aggressive Hooligans erwartet.

Das größte Problem haben wir mit deutschen Hooligans, das müssen wir nicht den Nachbarländern in die Schuhe schieben. Trotzdem stimmt es: Polen hat ein Hooligan-Problem. Wir arbeiten mit den polnischen Behörden daran, es finden gemeinsame Polizeiübungen statt. Die Kooperation ist so vertrauensvoll, dass ich mir mit dem polnischen Amtskollegen Ludwik Dorn das Vorrundenspiel zwischen unseren Ländern anschaue.

Hat Ihnen Ihr Kollege endlich die persönlichen Daten der polnischen Hooligans übermittelt?

Es ist nicht so, dass er ein Paket schickt, auf dem steht: Das sind Daten unserer Gewalttäter. Hören wir auf, die WM als bürgerkriegsähnliche Situation darzustellen.

Sie wollten doch die Bundeswehr einsetzen, Herr Schäuble.

Das geht ohne Grundgesetzänderung nicht, die schaffen wir vor der WM nicht mehr. Ein Einsatz zum Objektschutz würde Sinn machen. Deshalb war mein Vorschlag: Beim Objektschutz an den Botschaften ziehen wir Polizisten ab und stellen dort Soldaten hin. Ich wollte das, weil bei der WM möglicherweise die Polizisten knapp werden. Vielleicht bin ich mit dem Vorschlag zu weit gegangen.

Haben wir genug Polizisten oder nicht?

Ja. Bund und Länder haben eine Urlaubssperre angeordnet. Wir müssen mit dem Potenzial auskommen, das wir haben.

Sie müssen auch noch die Mannschaftsquartiere schützen. Stellt etwa das iranische Team ein Sicherheitsproblem dar?

Die iranische Regierung ist in Sorge, dass ihre Mannschaft bedroht wird. Wir haben versprochen, für alle WM-Quartiere spezielle Verbindungsbeamte abzustellen. Das bekommen die US-Amerikaner auch, sie sind auch ein potenzielles Ziel.

Wäre der iranische Präsident Mahmud Ahmadinedschad willkommen?

Staatsoberhäupter brauchen kein Visum. Wenn der Sicherheitsbeirat der Vereinten Nationen oder die Europäische Union ein Einreiseverbot verhängen, sage ich: A la bonne heure, von mir aus gern.

Und wenn nicht?

Wenn er mit der Mannschaft anreist, haben wir die Verpflichtung, ihn zu empfangen. Wir würden ihm aber sagen, dass seine Äußerungen unerträglich sind. Wer das Existenzrecht Israels in Frage stellt, muss wissen, dass die Bundesrepublik für das Existenzrecht Israels eintritt.

Warum haben Sie dann Herrn Ahmadinedschad ermuntert, zur WM zu kommen?

Ich weiß, wen ich eingeladen habe, Irans Präsident gehört nicht dazu. Wenn er kommt, wäre das eine Herausforderung.

Ein anderes Extrem wären Aufmärsche der NPD zur WM.

In dem Maße, wie man es verbieten kann, wird das verboten. Während einer WM liegt ein Missbrauch vor. Wenn einer für verrückte Dinge auf die Straße gehen will, soll er das machen, aber bitte nicht, wenn die ganze Welt auf uns schaut.

Das ist genau Ihr Problem: Jedes Sicherheitsproblem wäre eine Weltnachricht.

Ich appelliere an die Öffentlichkeit: Wir sollten Idioten mit Missachtung strafen. Sie leben von Aufmerksamkeit, die ihnen die Zivilgesellschaft verweigern kann.

Auch Terroristen könnten sich angezogen fühlen. Im Umkreis von sechs Kilometern um die Stadien sollen keine Flugzeuge fliegen. An Spieltagen müssten Sie Berlin-Tegel oder Frankfurt-Airport schließen.

Wir wollen keine Flugzeuge über den Stadien haben. Wir können aber nicht Tegel vier Wochen lang dichtmachen. Ich habe im Bundestag aus den Erinnerungen von Verteidigungsminister Georg Leber vorgelesen. Eine Passage hat mich besonders gefesselt: Bei der Abschlussfeier der Olympischen Spiele 1972 in München bekam er die Nachricht, ein unbekanntes Flugzeug sei auf dem Weg zum Olympiastadion. Das waren bittere Minuten, bis das Flugzeug endlich abdrehte.

Von Tegel sind es nicht einmal ein paar Minuten bis zum Stadion.

Versuchen Sie mal, mit einem Flugzeug in Tegel zu starten. Da scheitern Sie schon an der Ausweiskontrolle.

Haben Sie das Szenario durchgespielt?

Natürlich, schon 1985. Damals habe ich als Chef des Kanzleramts den Weltwirtschaftsgipfel in Bonn organisiert. In einer Besprechung habe ich gefragt: Was machen wir, wenn sich ein Flugobjekt dem Kanzleramt nähert? Die Experten sagten: Wir sperren den Luftraum. Und was machen wir, wenn es weiterfliegt? Die Antwort: Verhängen wir ein Bußgeld. Das hat mich gelehrt, dass wir in solchen Situationen anders reagieren müssen.

Wie?

Erst einmal kriegen wir raus, wer fliegt. Ich würde niemanden raten, solche Mätzchen zu machen, wenn im Olympiastadion ein WM-Spiel stattfindet. Sie werden schnell aufgefordert, abzudrehen.

Und wenn nicht?

Legen Sie sich mal auf der Avus mit einem richtig geübten Autofahrer von der Polizei an. Wenn Sie dann nicht anhalten, verlieren Sie, glauben Sie mir. Die Luftwaffe hat viele Möglichkeiten.

Das Gespräch führten André Görke und Robert Ide.

0 Kommentare

Neuester Kommentar