"Das ist Mittelalter" : Merkels Freude über bin Ladens Tod

Mit ihrer Wortwahl zum erfolgreichen US-Einsatz gegen bin Laden ist Angela Merkel nicht nur bei Kirchenvertretern, sondern auch in den Reihen der Koalition auf deutliche Kritik gestoßen.

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Bundeskanzlerin Angela Merkel würde sich "auch wieder so ausdrücken."
Bundeskanzlerin Angela Merkel würde sich "auch wieder so ausdrücken."Foto: AFP

Berlin - Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) ist auf die Kritiker ihrer Äußerungen zum Tod von Osama bin Laden zugegangen. Die Kanzlerin habe Verständnis dafür, dass „das Zusammenwirken der Worte Tod und Freude in einem Satz“ von manchen als unpassend empfunden werde, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch. Zugleich erklärte er jedoch, Merkel werde das Gefühl der Genugtuung darüber, dass von dem äußerst gefährlichen Terroristen nun keine Gefahr mehr ausgehe, „auch wieder so ausdrücken“.

Merkel hatte US-Präsident Barack Obama zu dem Einsatz gegen den Gründer der Al Qaida gratuliert und gesagt: „Ich freue mich darüber, dass es gelungen ist, bin Laden zu töten.“ Häufig sei nur dieser eine Satz aus einer längeren Stellungnahme zitiert worden, klagte Seibert. Die Äußerung der Kanzlerin müsse aber im Zusammenhang verstanden werden. Merkel sei an diesem Tag in Gedanken beim Leid der vielen tausend Opfer gewesen. In Verbindung mit diesen „Gedanken der Erleichterung und der Freude“ sei die umstrittene Äußerung zu verstehen.

Wo Osama bin Laden sich verbarg
Pakistanische Soldaten bewachen nach der Tötungsaktion der US-Armee das Gelände. Gerade weil bin Laden offenbar jahrelang unweit einer Militärakademie unerkannt lebte, argwöhnen die US-Behörden, dass er Helfer auf pakistanischer Seite hatte.Alle Bilder anzeigen
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03.05.2011 10:38Pakistanische Soldaten bewachen nach der Tötungsaktion der US-Armee das Gelände. Gerade weil bin Laden offenbar jahrelang unweit...

Mit ihrer Wortwahl war Merkel nicht nur bei Kirchenvertretern, sondern auch in den Reihen der Koalition auf deutliche Kritik gestoßen. Er habe Merkels Freude über die Tötung mit „Unverständnis“ aufgenommen, sagte der FDP-Innen- und Rechtspolitiker Hartfrid Wolff dem Tagesspiegel. Aus seiner Sicht wäre es „richtig gewesen, alles zu tun, bin Laden dingfest zu machen und vor den Internationalen Gerichtshof zu stellen“, sagte Wolff. Sich allerdings, wie es die Kanzlerin getan hat, über dessen Tötung zu freuen, könne er nicht verstehen. „Ich kann mich über den Tod eines Menschen nicht freuen“, sagte der Liberale, der dem Fraktionsvorstand der FDP angehört.

Osama bin Laden ist tot
Osama bin Laden wurde damals in seinem Versteck in Pakistan überrascht.Weitere Bilder anzeigen
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02.05.2012 11:18Osama bin Laden wurde damals in seinem Versteck in Pakistan überrascht.

Der Vorsitzende des Rechtsausschusses im Bundestag, Siegfried Kauder (CDU), sagte der „Passauer Neuen Presse“: „Ich hätte es so nicht formuliert. Das sind Rachegedanken, die man nicht hegen sollte. Das ist Mittelalter.“ Auch der außenpolitische Sprecher der Unions-Bundestagsfraktion, Philipp Mißfelder (CDU), betonte, er freue sich nicht, dass ein Mensch gestorben sei.

Der CSU-Abgeordnete Norbert Geis hingegen verteidigte die Kanzlerin. „Sie wollte damit sagen, dass sie sich freut, dass mit der Tötung bin Ladens ein wichtiger Schlag gegen den Terrorismus gelungen ist. Anders kann man ihre Äußerungen nicht verstehen“, sagte er dem Tagesspiegel. Auch der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Ruprecht Polenz (CDU), nahm die Kanzlerin in Schutz. „Man darf sehr wohl erleichtert und auch froh darüber sein, dass bin Laden keine Anschläge mehr planen kann“, sagte er. „Im Nachhinein jedes Wort auf die Goldwaage zu legen, ist nicht angemessen.“ Die Debatte befeuere nur die ohnehin schon kursierenden Verschwörungstheorien um den Tod bin Ladens. Stattdessen sollte man die wichtige Frage diskutieren, was die Folgen des Todes von bin Laden seien.

Die meistgesuchten Terroristen
MULLAH OMAR war der Chef des Taliban-Regimes in Afghanistan und bot Osama bin Laden und seinem Al-Qaida-Netzwerk in den Jahren vor den Anschlägen vom 11. September Unterschlupf. Obwohl die US-Operation "Dauerhafte Freiheit" das Taliban-Regime beseitigte, befindet sich der einäugige Omar weiterhin auf freiem Fuß. Belohnung: 10 Millionen Dollar.Weitere Bilder anzeigen
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04.05.2011 12:31MULLAH OMAR war der Chef des Taliban-Regimes in Afghanistan und bot Osama bin Laden und seinem Al-Qaida-Netzwerk in den Jahren vor...

Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, bekundete ebenfalls Verständnis für Merkels Formulierungen. Zwar sei es richtig, dass man sich als Mensch nicht freuen dürfe, wenn ein anderer getötet werde, sagte Glück dem Tagesspiegel. Gleichzeitig sei aber zu berücksichtigen, dass bin Laden selber „bedenkenlos und ohne jeden Skrupel unzählige Menschen töten ließ“. Dass dieser Mann mit seinem Fanatismus und seiner Symbolkraft auf andere nun „nicht mehr wirken“ könne, sei deshalb ein „außerordentlich erfreuliches Ereignis – auch, wenn es nur um den Preis des Tötens möglich war“.

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