Politik : "Das ist psychologischer Krieg"

Gefangenen auf Jolo berichten über ihren Alltag - Erpresser fordern angeblich zwei Millionen Dollar für Renate Wallert

In dem Geiseldrama auf den Philippinen gibt es widersprüchliche Angaben über angebliche Lösegeldforderungen der Entführer. Außenminister Domingo Siazon sagte am Mittwoch, die moslemischen Rebellen verlangten zwei Millionen Dollar (gut vier Millionen Mark) für die Freilassung der erkrankten deutschen Geisel Renate Wallert. Der Präsidentenberater und Vermittler Roberto Aventajado dementierte jedoch Berichte über Lösegeldforderungen. Sie seien falsch, er müsse es schließlich wissen, sagte Aventajado.

Minister Siazon hatte zu Journalisten in Peking gesagt, die Rebellen hätten zunächst eine Million, später zwei Millionen Dollar verlangt. Die philippinische Regierung habe dies aber abgelehnt und bestehe auf "einer Gesamtlösung".

Der französische Journalist Nicholas Poincaré, der am Dienstag das Lager der Geiselnehmer besucht hatte, sagte, seinem Eindruck nach bestehe keine Hoffnung auf eine rasche Freilassung der Deutschen. Die moslemische Gruppe Abu Sayyaf wolle nur alle 21 Geiseln zusammen freilassen.

Der dramatische Gesundheitszustand von Renate Wallert lässt ihre Entführer auf der philippinischen Insel Jolo nach Berichten anderer Verschleppter kalt. "Sie geben sich damit zufrieden, Renate jeden Morgen den Puls zu fühlen, um sich zu vergewissern, dass sie noch lebt, und gehen dann mit den Worten: "Okay, okay!", erzählte der Franzose Stephane Loisy der Zeitung "France Soir". Nach mehr als drei Wochen in der Gewalt der Entführer leidet Wallert nach Angaben ihres Ehemannes an Halluzinationen.

Renate Wallerts Sohn Marc appellierte an die philippinische Regierung, auf Angriffe auf das Rebellenlager zu verzichten. "Beim letzten Mal musste ich mit meinem Vater durch den Dreck kriechen, um da herauszukommen, und meine Mutter stundenlang unter dem Kugelhagel tragen."

Französische Zeitungen berichteten am Mittwoch von weiteren Einzelheiten des Alltags der 21 Geiseln im Urwald von Jolo. Der Tag beginne um fünf Uhr morgens mit den ersten Sonnenstrahlen. "Um 10 Uhr haben wir dann Anrecht auf Reis mit einer halben Sardine, und dann legt man sich mit Einbruch der Nacht gegen 18 Uhr hin," erzählte Loisy. Es sei aber unmöglich, zu schlafen. Die Platzverhältnisse seien beengt, die Beine könnten nicht ausgestreckt werden. Die männlichen Geiseln bewachen die weiblichen, um sie vor Belästigungen zu schützen - zumal einer der Entführer immer bei den Geiseln übernachte.

Hinzu kämen bewusste Störungen durch die Rebellen. "Sie wecken uns, wenn sie ihre Waffen reinigen, oder auch nur, um sich zu vergnügen. Das ist moralische Belästigung, psychologischer Krieg, der selbst die Widerstandsfähigsten unter uns verschleißt. In welchem Zustand werden wir von hier wegkommen?", fragen sich die Geiseln laut Loisy. Die Entführten hätten sich eine Woche nicht waschen können, die Ernährung sei schlecht: "Vor zwei Tagen haben wir uns zu elft eine Sardine geteilt."

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