Politik : Das Jahr 1968: Wie erzählt man einem Ossi, wer Rainer Langhans war?

Stephan Lebert (West)

Warum passen wir immer noch nicht zusammen? Der Tagesspiegel versucht in den nächsten Wochen mit Autoren aus dem Ost- und Westteil der Stadt, Antworten zu findenStephan Lebert (West)

Ossis und Wessis, zehn Jahre danach: Wir haben uns unsere Geschichten erzählt, wir haben uns zusammen- und auseinandergesetzt. Und doch gibt es ein "Wir" noch immer nicht. Die einen sagen: na und? - die anderen rätseln: warum? In den nächsten Wochen werden Tagesspiegel-Autorinnen und Autoren aus beiden Teilen Berlins der Frage nachgehen, warum partout nicht alles zusammen wachsen will, was offiziell doch zusammen gehört.

Meistens geht es eine Zeit lang gut. Man sitzt nett zusammen, der Ossi und der Wessi, unterhält sich, vergisst alle Unterschiede. Wie neulich in diesem Weinlokal in Berlin-Mitte, diesem In-Viertel, wo viele frühere Ost-Berliner so ungern hingehen. Den Grund haben sie mir erklärt: Sie hätten so viele Erinnerungen an diese Straßen, nette und weniger nette, aber eben Erinnerungen, und jetzt sei dieses Stück Vergangenheit grundsaniert worden - für schicke Wessis, die von alldem, was war, keine Ahnung haben wollen. Ich kann diesen Zorn ein bisschen verstehen. Mal angenommen, München, wo ich herkomme, wäre von bayerisch-stämmigen Rumänen eingenommen worden, die alles in einen Bazar verwandelt hätten. Wäre auch nicht schön gewesen. Ich fange also aus Solidarität auch schon damit an, dass mir die Typen auf die Nerven gehen, die vor jedem zweiten dieser Lokale mit einem Glas Campari in der Hand stehen.

Diesmal waren wir aber trotzdem in einem solchen Restaurant, und ich erzählte alte Schulgeschichten, wie man es bei den Wessis gerne tut. Dabei gibt es ein bestimmtes Muster: Man war als Schüler eingeengt, faul und frech, aber sehr klug und begabt, und machte den Lehrern das Leben durch Streiche zur Hölle. Die Lust, ein Rebell zu sein, wird von den Westdeutschen gern in die Vergangenheit gepackt: Mensch, damals in der Schule, da war bei mir was los. Diese Schulgeschichten haben etwas Symbolhaftes: Die Auflehnung gegen Autoritäten ist Allgemeingut geworden, auch wenn es ein Phantom ist, denn in der Praxis waren und sind wir Wessis vor allem eines: angepasst.

Nun gehören ja auch Mythen bekanntlich zum Leben. Und einige Mythen von Rebellion und Freiheit haben mit den Ereignissen von 1968 zu tun. Damals stürmten die Studenten auf die Straßen und protestierten gegen den Vietnamkrieg, gegen das Kapital. Damals stellten junge Leute erstmals die Frage an ihre Eltern: Wie war das mit euch bei den Nazis? Damals glaubte eine junge Generation, das Glück sei fast gefunden, wenn man nur das Althergebrachte ablehne. Wie man auch immer die Folgen und das Scheitern der 68er-Bewegung beurteilt, auf eine gewisse Weise hat sich dieses Datum in die Biografie der Wessis gebrannt, auch wenn nur die wenigsten damals aktiv gewesen waren. Aber auch das Hören davon, das Zuschauen hat gereicht.

Dasselbe kann man von dem Osten Deutschlands sagen: Im Jahr 1968 wurde in der CSSR der Prager Frühling blutig niedergeschlagen. Dabei ging es hier um keine Konterrevolution, die Kommunisten des Alexander Dubcek wollten einen etwas besseren, menschlicheren Sozialismus. Als die russischen Panzer kamen, gingen auch die Träume vieler Ostdeutscher in die Brüche. Nicht wenige Ossis vermerken in ihrer Biografie, dass sie nach den 68er-Ereignissen in Prag den seelischen Rückzug antraten, dem Staat DDR eine innere Kündigung aussprachen. Immer weniger glaubten von da an noch die Phrase von der gerechteren Gesellschaft. Verkürzt könnte man das deutsch-deutsche Jahr 1968 so sehen: Im Osten wurde eine Utopie zu Grabe getragen, im Westen begannen man von einer zu träumen.

Was das alles bedeutet? Zum Beispiel, dass eine Unterhaltung über Schulgeschichten schnell zu der Erkenntnis führt, wie grundlegend sich der Umgang mit Autoritäten unterscheidet: Das Feindbild des Lehrers scheint es aus ostdeutscher Schülersicht nicht kaum gegeben zu haben (mein Gesprächspartner meinte, er habe seine Lehrer als Partner und nicht als Gegner empfunden). Von dieser Banalität ausgehend, wird es grundsätzlich: Jeder stellt fest, wie sehr er, ob er will oder nicht, in der Tradition seines Landes verankert ist und wie schwer es ist, dies dem anderen klarzumachen. Man erklärt, warum bestimmte Fragen wichtig waren, man erfährt, warum es die Fragen nach der Nazi-Vergangenheit der Eltern im Osten nicht geben konnte, weil der Staat als ganzer antifaschistisch zu sein vorgab. Wenn Westler vom Alt-Kommunarden Rainer Langhans und seiner Kommune reden, genügt ein ironisches Augenzwinkern und ein Lächeln und alles ist gesagt. Wenn man einem Ex-DDR-Bürger klarmachen will, dass dessen schreckliche Visionen von freier und familienloser Liebe trotz allem zur Bundesrepublik gehören, steht man auf verlorenem Posten. Das Unverständnis gegenüber dem Augenzwinkern des Anderen macht einen Dialog über zweierlei 1968 heute besonders schwierig.

Der tschechische Schriftsteller Milan Kundera hat in seinem Roman "Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins" eine Liste unverstandener Wörter aufgestellt, wie Treue und Verrat, Stärke und Schönheit. Kundera beschreibt, wie unterschiedlich diese Begriffe von einem Mann und einer Frau, empfunden werden und was sich daraus für Probleme ergeben. Könnte es sein, dass zehn Jahre danach die Kraft und der Wille schwinden, die Liste der unverstandenen Wörter im vereinten Deutschland zu reduzieren?Nächster Beitrag: Kerstin Decker über die immer noch fortwirkende Kränkung der Ostdeutschen.
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