Politik : Das Kapital ist Gottvertrauen

KIRCHE UND SPAREN

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Von Robert Leicht

Heute feiert die Christenheit Ostern – das Fest der Auferstehung. Aber die großen Kirchen in Deutschland fürchten ihren Niedergang. Ihr Glaube spricht von der Überwindung des Todes – ihre Erfahrung ist die des Absterbens kirchlicher Strukturen. Nicht nur der Anteil der Getauften geht zurück, sondern auch die Zahl der Kinder insgesamt. Diese Doppelkrise aus Demografie und Demoskopie überlebt keine gewachsene kirchliche Struktur ohne gewaltige Brüche. Aber wie dann? Kurz, modern und traditionalistisch zugleich: Das Gottvertrauen muss immer größer sein als das „Systemvertrauen“ (N. Luhmann).

Die harten Tatsachen: Das Erzbistum Berlin ist massiv überschuldet und muss drastisch streichen, sogar Kirchen aufgeben. Das empfinden viele Betroffene als Skandal. Aber hätten die Verantwortlichen früher und klüger gehandelt – das Ergebnis wäre ähnlich ausgefallen, nur eben früher; so wie es ja in der evangelischen Partnerkirche gleich um die Ecke der Fall war. Inzwischen meldet selbst das uralte Bistum Trier finanziell „Land unter“ – und die ersten protestantischen Landeskirchen, oh Wunder!, fusionieren und kooperieren; freilich erst im Osten.

Gottvertrauen ersetzt freilich keine Strukturreform. Es ergibt jedoch keinen Sinn zu sparen, damit alles so bleibt, wie es ist – auf niedrigerem Niveau. Die Kirchen werden nach ihrer Verschlankung, nach ihrem down sizing, nicht nur kleiner, sondern anders sein müssen: weniger öffentlicher Dienst – mehr Dienst an der Öffentlichkeit; weniger amtlich – mehr ehrenamtlich; finanziell ärmer – geistlich vielleicht reicher. Wer sich einschränken muss, muss überdies Prioritäten setzen. Das aber heißt: nicht nur für etwas, sondern auch gegen etwas entscheiden; das Letztere ist der unbequemere Teil. Denn die Getroffenen verteidigen nicht nur die Sache, sondern auch ihre Interessen.

Diese Prioritätensetzung darf allerdings nicht in die falsch versimpelte Alternative führen: Theologie oder Tat, Seelsorge oder Sozialfürsorge. Beides gehört zusammen. Aber eines muss dabei ebenso klar bleiben: „Kirche für andere“ (D. Bonhoeffer) muss immer erkennbar bleiben als Kirche für andere. Und es muss immer erkennbar bleiben, warum Kirche anders ist als andere – und warum eine Gesellschaft mit Kirchen anders ist als eine ohne. Das Letzte, woran die Kirchen sparen dürfen, ist der Reichtum ihrer Botschaft. So gesehen sind Religionsunterricht und Kindergarten, sind Katechese und Gottesdienst wichtiger als manches, was der Sozialstaat und andere Wohlfahrtsträger ähnlich gut können: Die Mission geht der Aktion zwar nicht vor – aber immer voraus. Eine Kirche, die keine missionarische Kirche ist, kann auch keine solidarische sein. Vielleicht fragt sogar mancher kirchenskeptische Zeitgenosse mehr nach der ihm fremden Mission als nach der allzu bekannten Aktion. Das down sizing darf also nicht zum dumbing down führen, das Sparen nicht zum geistlichen Verdummen.

Apropos Gottvertrauen: In trüben Strukturdebatten pflegt der Magdeburger Bischof Axel Noack fröhlich dazwischenzufahren: „Was regst du dich so auf, die Welt ist doch schon gerettet.“ Das weiterzusagen – und zu feiern! – ist das eigentliche Amt der Kirche. Vor allem an Ostern. Aber auch an jedem anderen Tag.

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