Politik : Das Kleine im Großen

Ungarn hat an Selbstvertrauen eingebüßt – von Europa erwartet unser Autor neue Identität und Stabilität

György Konrad

„Sagen Sie, was für ein Land ist das eigentlich?“ „Ein gutes Land.“ „Und weiter!?“ „Ein schlechtes.“ „Und weiter!?“ „Ein gutes.“ „Danke, das genügt.“

Für uns ist der Eintritt in die Europäische Union der Höhepunkt des 1989 begonnenen Umstrukturierungsprozesses: eine beruhigende und beständige Antwort auf die Frage, wohin wir gehören. Dass die mitteleuropäischen Beziehungen innerhalb der EU auf ein günstigeres Gleis geraten, ist eine ironische Tatsache. Was uns in der Welt der Träume vor 1989 an der mitteleuropäischen Kultur, an intensiveren regionalen Beziehungen gelockt hat, das hat die Intelligenz, die sich nach innen und dem Westen zugewendet hat, in den als Folge von 1989 souverän gewordenen Nationalstaaten für eine Weile vertagt.

Die kontinuierliche mitteleuropäische Zusammenarbeit ist jedoch keine Alternative zur europäischen Integration, sondern deren Verkörperung; nachdem sie in entsprechende Bahnen gelenkt worden ist, ist jetzt ihre Zeit gekommen. Ein großer Teil aus den Fugen geratenen Handelns ergibt sich daraus, dass die Zugehörigkeit der Gemeinschaften unsicher geworden und die Autorität über ihnen verschwunden ist. Der Hauptgrund für die jüngsten Miseren auf dem Balkan ist darin zu suchen, dass lokale und westeuropäische Politiker das gewohnte und selbstverständliche Gefühl der Zugehörigkeit aufgelöst haben, ohne dass sie einen Übergang zu einer selbstverständlichen und rechtlich abgesicherten Identität geboten hätten.

Die Ungarn mussten im vergangenen Jahrhundert allzu viele Systemwechsel über sich ergehen lassen, was ihr Selbstbewusstsein erschüttert hat. Angenehm, wenn wir unseren Vorfahren Achtung bezeigen können und wenn die Enkel nicht über unsere Torheiten lachen, denn die Generationen sind durch eine lebendige und auf Konsens beruhende Tradition miteinander verbunden. Wer die moralische Verantwortung für die Loslösung vom Sowjetreich übernommen hat, der darf am 1. Mai 2004 aufatmen: Wir sind an unserem richtigen Platz angekommen, dort, wohin es die denkenden Ungarn verlangte, wo wir mit den anderen Bewohnern unseres Erdteils arbeiten und uns vergnügen dürfen, ohne dass es über uns einen Herrn geben würde, es sei denn der freiwillig akzeptierte Klarblick und die damit einhergehende Solidarität. Solange eine Nation nicht ihren stabilen Platz unter den anderen einnimmt, finden die Halbnarren ihr Publikum, können Krakeelen und Einschüchterung auf nicht einmal so kurze Sicht zu Erfolgen führen.

Es erschüttert mich nicht, dass die an die Macht strebenden oder sich daran klammernden Politiker große Worte von sich geben, auch große Dummheiten, womit sich die Presse und die politischen Reden sinngemäß beschäftigen. Die politischen Akteure steigern sich in die Konflikte hinein, doch schließlich holpert alles zurück zur Mitte. Bisher hat alle vier Jahre die frühere Opposition die Regierungsgewalt übernommen, und das wird noch eine Weile so geschehen. Die Mitte rutscht hin und her und nachdem sie mit dem Kopf an die Wand gestoßen ist, zeigen sich auch Ermüdungen bei den Extremisten. Sie versuchen es immer wieder, der Erfolg bleibt ihnen erneut versagt. Zwar hat auch die Demagogie ihre Käufer, doch die Nüchternheit ist stärker. In Ungarn funktioniert der Demokratiebetrieb.

Das Äußere der Städte und Dörfer wird zusehends hübscher, das Kulturangebot ist reichhaltig, die Qualität der Weine und die Sauberkeit der Klosetts in den Kneipen haben sich spürbar verbessert. Für meinen Geschmack gibt es zu viele Autos und Mobiltelefone, und die Technik der Textübertragung erhält mehr Aufmerksamkeit als der Text selbst. Als Mitglied der EU kann den geschickten Lokalpatriotismen Erfolg prophezeit werden. Das Eigene, das für uns Typische werden wir ungezwungener mögen. Doch da sich viele darum bemühen werden, dürfte es gar nicht so einfach sein, jenes Besondere ausfindig zu machen.

Dass Bartok, Ligeti und Kurtag Meister ihres Faches sind, davon überzeugen den Musikkenner die Klänge oder die Partituren, doch dass auch in anderen Kunstbereichen beachtliche Werke entstanden sind, davon kann sich allmählich, wenn auch mit einiger Verspätung, die europäische Neugier überzeugen, die anlässlich der Osterweiterung der Europäischen Union wissen möchte, was diese besitzt, ein Inventar erstellt und Bilanz zieht. Ohne die Erfahrungen, geistigen Leistungen und ohne die Haltung Ostmitteleuropas inklusive Ungarns wäre Europa nicht das, was es ist. Jedenfalls kann die alte Behauptung, dass die Ungarn ihre Kriege verlieren, den Frieden jedoch gewinnen, jetzt den Beweis antreten.

Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke. Der Text erschien auch im Wiener Nachrichtenmagazin „profil“.

György Konrad erhielt 2000 den Aachener Karlspreis und war von 1997 bis 2003 Präsident der Akademie der Künste in Berlin. Er schrieb unter anderem „Der Nachlass“ und „Der Dritte Blick. Betrachtungen eines Antipolitischen“.

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