Politik : Das Kopftuch als Barriere für die Karriere

Die Frauenerwerbsquote in der Türkei sinkt weiter

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Istanbul - In keinem anderen Land von Europa bis Zentralasien sind so wenige Frauen berufstätig wie in der Türkei. Die türkische Frauenerwerbsquote sinkt seit mehr als 20 Jahren und unterbietet nach Zählung von Weltbank und OECD mit 22 Prozent inzwischen sogar Algerien und Afghanistan. Was Experten vor allem wundert, ist der seit den 80er Jahren andauernde Rückzug von studierten und hoch qualifizierten Frauen aus dem türkischen Arbeitsmarkt. Vom „Rätsel der türkischen Frauenerwerbsquote“ spricht die Weltbank in diesem Zusammenhang.

Neslihan Akbulut findet das Phänomen weniger rätselhaft. „Ich habe mein Studium in Schweden mit einem Master abgeschlossen und dann in der Türkei begonnen, Arbeit zu suchen“, erzählt die 27-jährige Soziologin. „Erst habe ich nach einer Stelle gesucht, die meiner Ausbildung entspricht, aber da hat mich natürlich niemand genommen. Dann habe ich mich auf niedriger bewertete Stellen in geringeren Berufen beworben, aber da wurde ich auch nicht genommen.“

Neslihan Akbulut trägt ein Kopftuch, so wie die meisten Frauen in der Türkei, genauer: rund 70 Prozent aller türkischen Frauen. Weil das Kopftuch seit dem Militärputsch von 1980 in allen öffentlichen Einrichtungen der Türkei verboten ist, scheiden verbeamtete Berufe und staatliche Anstellungen für sie von vornherein aus. Bleibt natürlich der private Sektor – doch auch da erweist sich das Kopftuch als Karrierehindernis, wie die Soziologin Dilek Cindoglu nachgewiesen hat. Cindoglu präsentierte ihre Studie jetzt bei der liberalen Denkfabrik TESEV.

In fast allen qualifizierten Berufen gebe es Berührungspunkte mit staatlichen oder halbstaatlichen Einrichtungen, erläutert die Professorin das Problem; so müsse man gelegentlich ein Amt besuchen, zu Geschäftstreffen oder zu Kundenbesuchen gehen. „Eine Kopftuchfrau kann da nicht überall hingehen“, sagt Cindoglu. „Deshalb spreche ich von einer Ausstrahlung des Kopftuchverbots im öffentlichen Sektor auf den privaten Sektor, einem sogenannten Spillover-Effekt.“

Von der Architektin, die nicht zum Grundbuchamt gehen kann, und der Anwältin, die nicht vor Gericht erscheinen kann, bis zur Journalistin, die nicht ins Parlament darf, dekliniert Cindoglu in ihrer Studie die Probleme durch. Wenn hoch qualifizierte Frauen im Kopftuch überhaupt beschäftigt werden, so stellt Cindoglu in ihrer Studie fest, dann meist nur zu Hilfsdiensten in Hinterzimmern, wo sie nicht gesehen werden – und das natürlich zu deutlich niedrigeren Gehältern.

Leidtragende dieser Entwicklung sind nicht nur die Frauen im Kopftuch, analysiert die Professorin. Wegen der niedrigen Frauenerwerbsquote haben Forderungen nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit in der Türkei keine Chance. Weil so wenige Frauen arbeiten, gibt es auch keinen Druck für Kinderbetreuung, Krippen und Kindergärten. Und weil die meisten Frauen gezwungenermaßen als Hausfrauen und Mütter daheim bleiben, wird das traditionelle Rollenbild der Frau verstärkt und weitergegeben an die nächste Generation. Susanne Güsten

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