Politik : „Das Kopftuch ist nicht die sechste Säule des Islam“

Fetische aus Stoff und wachsende Vorurteile – der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime über das Integrationsjahr 2006

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Herr Mazyek, dürfen sich Ihre drei Kinder etwas zu Weihnachten wünschen?

Die würden sich natürlich freuen, wenn sie zweimal beschenkt würden. Wir haben uns aber darauf geeinigt, dass es Geschenke zum Opferfest gibt. Das ist in diesem Jahr eine Woche nach Weihnachten.

Zum Opferfest endet auch ein Jahr, das man als Jahr der Integration ansehen könnte: Islamkonferenz, Integrationsgipfel. Hat sich 2006 Wesentliches geändert?

Quantitativ stimmt das sicher. Der Islam ist sichtbarer geworden, die Debatte auch mit den Muslimen hat zugenommen, das ist auch ein Fortschritt. Ob die Qualität der Debatte besser geworden ist, wage ich zu bezweifeln. Und da nehme ich die Muslime nicht aus.

Was meinen Sie?

Deutschland ist keine Insel, die Kriege im Nahen Osten, im Irak haben unmittelbare Auswirkungen auf den Blick, den man auch bei uns auf Muslime wirft. Der Islam wird immer noch überproportional mit Gewalt und Terror kontextuiert – das belegen auch jüngste journalistische Studien. In den letzten Wochen ließ sich nachlesen, welche niederschmetternden Folgen das hat, im Migrationsreport oder im Bericht der Europäischen Beobachtungsstelle gegen Rassismus. Der Bericht des Bielefelder Soziologen Heitmeyer setzte noch eins drauf, indem er feststellte, dass selbst in den Eliten die Hemmschwellen, Vorurteile gegen Muslime zu produzieren, gesunken sind.

Aber dass Islam und Terror nicht eins sind, sagt doch inzwischen jeder Redner!

In politisch korrekten Sonntagsreden ja. Aber die Berichterstattung über den Islam tut es oft genug doch, manchmal sehr subtil, indirekt und oft sicher auch unbewusst. Ist denn die Untat eines mutmaßlichen Kofferbombers schon muslimisch motiviert, wenn er das Bild einer Moschee in seiner Studentenbude hängen hatte? Die Gewaltdebatte wird oft absurd islamisiert.

Im Bericht der EU waren die negativen Urteile der Deutschen über Muslime massiv. Sehen Sie ein deutsches Problem?

Wir haben hier ein Kronzeugenproblem, fürchte ich, mit jenen, die diese Vorurteile noch verstärken. Die muslimische Community ist bunt: Es gibt konservative, liberale, strenggläubige Muslime und die, die eine eher lose Bindung an den Glauben haben. Diese Pluralität ist Teil unserer Identität. Das ist ein Glück. Einige wie Frau Kelek zum Beispiel …

… die den Islam scharf kritisiert …

… wollen uns aber ihre Sichtweise als die allein seligmachende aufzwingen. Ich prüfe sie ja auch nicht, ob sie wirklich im Herzen als Muslimin glaubt. Im Übrigen finde ich, dass man Moderne und Glauben im 21. Jahrhundert leben und zusammenbringen kann, und stelle mich so bewusst den Vorurteilen entgegen, statt ihnen auch noch zu entsprechen.

Das tun allerdings nicht viele von Ihnen. Wo sprechen denn die emanzipierten Musliminnen, die erfolgreichen Anwälte, die das Mehrheitsbild Lügen strafen könnten? Angst?

Erstens gibt es sie, und zweitens stimmt es: Wer bestens integriert ist, will oft eher nicht als Muslim sichtbar werden, weil er sich in dieser islamophoben Zeit davor fürchtet.

Sie sprachen schon von Defiziten auf beiden Seiten. Sollte das das einzige sein?

Nicht selten tragen Muslime selber zum Negativbild des Islam bei. Da verbrenne ich mir im Gespräch in den Gemeinden auch gern die Zunge: Was ist wirklich religiös, was sind Traditionen, die man der Religion zuschreibt? Oder: Ist das Kopftuch entscheidend für eine Muslimin?

Was sagen Sie?

Es ist zweifelsohne eine muslimische Pflicht. Aber es gibt gläubige muslimische Frauen, die kein Kopftuch tragen. Für mich sind sie nicht weniger gute Musliminnen. Und ich finde es überhaupt nicht in Ordnung, wenn manche muslimischen Theologen daraus die sechste Säule des Islam machen. Die fünf Säulen sind das Glaubensbekenntnis, die täglichen Gebete, die Wallfahrt nach Mekka, Almosen, das Fasten. Und Schluss. Aus dem Kopftuch lässt sich nun ganz und gar keine neue Säule drehen.

Sprechen Sie so auch nach innen?

Natürlich. Aber wer’s tut, steckt sofort in einer Sandwich-Situation: Hier die öffentliche Wahrnehmung, die das Kopftuch zum Fetisch degradiert, auf unserer Seite diejenigen, die aus dem Kopftuch mehr machen wollen, als der Islam vorschreibt. Das passt leider zu gut zusammen. Und wer differenziert, wird leicht zerrieben. Es ist inzwischen müßig, aber man kann auch fragen, ob wir wirklich für das Kopftuch vor die Gerichte ziehen mussten. Andererseits war es für viele Frauen die letzte Möglichkeit, einem Berufsverbot zu entgehen und aus der Mitte der Gesellschaft verdrängt zu werden.

Das Kopftuch ist ein Hauptthema der Debatte, Gewalt das zweite. Hat der Islam eine grundsätzlich andere Haltung zur Gewalt als das Christentum?

Der Islam thematisiert Gewalt insofern, als er das Recht auf Verteidigung unter ganz bestimmten Bedingungen zulässt. Im Christentum kenne ich keine derartigen Empfehlungen.

Für Christen gilt Jesu Gebot „Wer dich auf die rechte Wange schlägt, dem halte auch die linke hin“.

Und das hat sich realpolitisch offensichtlich als utopisch erwiesen. Der Islam spricht Gewalt an und grenzt sie gleichzeitig ein. Eine größere Affinität zur Gewalt als das Christentum – siehe Kreuzzüge oder die Vertreibungen im Namen Christi – sehe ich nicht.

Tritt die muslimische Welt Gewalt im Namen des Islam ausreichend entgegen?

Leider noch viel zu wenig. Es findet kein ausreichender Diskurs darüber statt. Wir Muslime wachsen auf im besonderen Respekt vor unseren Theologen, das ist auch gut so. Aber ich erwarte auch gerade von ihnen, dass sie noch deutlicher Stellung beziehen und dass sie sie als Theologen beziehen, statt Politik zu machen. Manche muslimischen Gelehrten haben die Grausamkeit des 11. September beweint und für islamisch unhaltbar erklärt, aber Selbstmordanschläge gegen Zivilisten in Israel legitimiert – das kann ich theologisch nicht nachvollziehen. Diese Position hat – siehe Irak – die Büchse der Pandora geöffnet.

Wenn Sie Prophet in eigener Sache wären: Wie wird Deutschland Weihnachten in zwanzig Jahren sein?

Ich bin ein unverbesserlicher Optimist, und ich wünschte mir, dass es irgendwann einmal selbstverständlich ist, dass Muslime hier leben und auch als Muslime sichtbar sind. Wenn ich mir allerdings die letzten Umfragen ansehe: Da wird mir ein bisschen angst. Etwas anderes zu sagen, wäre Zweckoptimismus eines Verbandsvertreters.

Mit Aiman Mazyek sprach Andrea Dernbach.

Aiman Mazyek (37) ist Journalist und seit Frühjahr 2006 Generalsekretär des Zentralrats der Muslime. Er vertritt etwa 300 Moscheen und muslimische Institutionen in Deutschland.

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