Politik : Das Krokodil ist tot

Über seine Rolle in Sachen Apartheid schwieg Südafrikas früherer Staatschef Botha bis zum Schluss

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

Bis zuletzt war er stumm geblieben – trotzig, selbstgerecht und starrsinnig, genau so, wie er Südafrika über ein Jahrzehnt hinweg als Staatschef regiert hatte. Während seine Nachfolger Frederik Willem de Klerk und Nelson Mandela in dicken Biografien ihre Version des Wandels am Kap darlegten, verfasste Pieter Willem Botha bis zuletzt kein einziges Wort über seine Rolle in der letzten, blutigen Phase der Apartheid. Am Dienstag starb Botha im Schlaf auf seinem Ruhesitz in Wilderness an der Garden Route. Er wurde 90 Jahre alt.

Botha war von 1978 bis 1984 zunächst Ministerpräsident von Südafrika, nach der von ihm eingeleiteten Öffnung des Apartheidsystems für Inder und Mischlinge später Staatspräsident des Landes. Nach einem Schlaganfall war er 1989 in einer Palastrevolte von einem reformorientierten Flügel der damals regierenden Nationalen Partei unter de Klerk entmachtet worden. Trotz einiger Reformen wie der Zulassung schwarzer Gewerkschaften und der Mischehe galt Botha als strenger Verfechter der Rassentrennung. Im Land war er wegen seiner Unberechenbarkeit lange als das „große Krokodil“ bekannt. Für rechtsextreme Weiße blieb Botha, der vor seiner Wahl zum Staatschef zwölf Jahre lang Verteidigungsminister war, bis zuletzt eine Symbolfigur für den Widerstand gegen den ANC, der Südafrika seit den ersten freien Wahlen vor zwölf Jahren regiert.

In Bothas Amtszeit fielen politischer Mord und Folter, Zensur und Gesinnungsterror. Deshalb wurde er auch vor die Wahrheitskommission zitiert, die Südafrika 1996 zur Aufarbeitung der Apartheids-Ära eingesetzt hatte. In seiner besserwisserischen Art lehnte es Botha aber auch dort ab, über seine Rolle als Chef des Staatssicherheitsdienstes Auskunft zu geben. Dieses berüchtigte Organ wurde jahrelang von Botha geleitet und soll neben Bombenanschlägen auf Gebäude politischer Gegner auch Morde an Anti-Apartheid-Aktivisten im In- und Ausland beschlossen haben.

Botha warf der Kommission vor, gegen ihn, seine ehemaligen Sicherheitskräfte sowie die Buren voreingenommen zu sein. Er bezeichnete die Institution wiederholt als einen „Zirkus“ und warf ihr vor, sie betreibe eine gnadenlose Hexenjagd gegen Apartheid-Politiker. Sechs Monate vor seinem Tod brach das „große Krokodil“ anlässlich seines 90. Geburtstags dann plötzlich doch noch sein Schweigen – allerdings nur in Form eines Fernsehinterviews mit seinem früheren Hofberichterstatter Cliff Saunders. In gewohnt autoritärem Ton erklärte er, nichts zu bereuen. Botha rechtfertigte sich: Die Apartheid sei lange vor den Buren von den Engländern erfunden worden. Er habe Schwarze und Mischlinge zu keinem Zeitpunkt als minderwertig betrachtet und habe mit vielen konstruktiv kooperiert. Was die junge Demokratie am Kap heute unter dem Mantel des „Black Economic Empowerment“ – der per Gesetz verordneten Einbeziehung Schwarzer in die südafrikanische Wirtschaft – betreibe, sei nichts als eine leicht abgeschwächte Form der Apartheid. Nur würden diesmal Weiße diskriminiert.

Das südafrikanische Staatsfernsehen (SABC) hätte seinem Publikum die Äußerungen des früheren Präsidenten durchaus zumuten können. Wie sehr die Zustände beim SABC inzwischen jedoch Anflüge der Botha-Ära haben, wurde daran deutlich, dass der nun von den schwarzen Machthabern als Propagandainstrument missbrauchte Staatssender im letzten Moment kalte Füße bekam und das einstündige Interview nicht ausstrahlte. Dabei wäre es für viele Südafrikaner sicherlich nicht uninteressant gewesen, vom großen Krokodil zu hören, dass der Weg in den politischen Niedergang mit guten Vorsätzen gepflastert war. Vielleicht hätte Südafrika gerade daraus eine Lehre für seine Gegenwart ziehen können, wie etwa die überstürzte Afrikanisierung der Gesellschaft, die heute oft auf Kosten der Effizienz des Landes und seiner Minderheiten geschieht.

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar