Politik : „Das Land ist in einer kritischen Situation“

Ex-Daimlervorstand Edzard Reuter über mögliche Folgen der Demonstrationen und die Rolle Erdogans.

Die Sorge in den Augen. Wie diese junge Frau wappnen sich die Protestler trotz Warnungen der türkischen Regierung für weitere Aktionen auf dem Taksim-Platz.Foto: Ozan Kose/AFP
Die Sorge in den Augen. Wie diese junge Frau wappnen sich die Protestler trotz Warnungen der türkischen Regierung für weitere...Foto: AFP

Herr Reuter, Sie haben seit der Kindheit intensive Kontakte in die Türkei. Ihr Vater, der Sozialdemokrat Ernst Reuter, floh mit der Familie vor den Nazis in die Türkei. Sie wuchsen dort bis zum 18. Lebensjahr auf. Was passiert da gerade?

Die Türkei ist meine zweite Heimat. Ich beobachte das Geschehen mit Freude, aber auch mit erheblicher Sorge. Die Türkei hat nach Atatürk eine schwierige Übergangsphase erlebt von dessen zentralistisch geprägter, sogenannten Demokratie hin zu einer sehr viel liberaleren Einstellung. Dazu gehört die Überwindung der Militärmacht durch die Regierung Erdogan. Das sind alles sehr erfreuliche Entwicklungen.

Das klingt sehr positiv …

Negativ ist, dass die von vielen Menschen gewählte konservative AKP die demokratischen Grundregeln missachtet, dass sie auch Rücksicht nehmen muss auf die, die sie nicht gewählt haben. Die junge Generation lässt sich nicht mehr gefallen, dass alles von oben dekretiert wird. Dieser innere Zwiespalt der Türkei ist eine ungeheuer kritische Situation.

Was sehen Sie als das Ziel der Protestbewegung?

Das ist schwer zu sagen. Alles spricht dafür, dass vor allem in Istanbul eine sehr inhomogene Gruppe agiert. Da sind Studentinnen und Studenten, Umweltschützer, junge Menschen, die dafür kämpfen, dass es zivilgesellschaftliche Freiheit gibt. Gleichzeitig höre ich aber, dass sich in diese Mehrheit von Leuten immer stärker politische Gruppen reinhängen. Und dann geschieht, was überall bei Demonstrationen geschieht. Dass sich professionelle Krawallmacher daruntermischen.

Ist der Erdogan des Jahres 2013 ein anderer als der des Jahres 2002, als er an die Macht kam?

Ja. Ich fürchte es. Man kann das auf allen möglichen Gebieten, auch in der Außenpolitik, verfolgen. Im Laufe der Jahre wurde das Selbstbewusstsein der Türken und der türkischen Regierung immer stärker, einschließlich einer Wiederbelebung von nationalistischen Tendenzen. Es ist nicht zuletzt der Regierungschef, der jedes Maß verloren hat. Er glaubt, er habe ein Mandat auf allen Gebieten und das Recht, alles zu bestimmen. Wenn ich mir vorstelle, dass ein Regierungschef mit diesen Allüren ein Land der EU repräsentiert, bin ich besorgt.

Was sollte die EU tun: Druck auf Erdogan aufbauen oder ihn durch Gespräche nach Europa zurückholen?

Ich bin sicher, dass alles, was laut auf dem Marktplatz geschieht, keinerlei Wirkung auf Herrn Erdogan hat. Wenn überhaupt, hat es nur Sinn, im stillen Kämmerlein mit ihm zu reden.

Die Europäische Union hat die Türkei in den vergangenen Jahren sehr distanziert behandelt. Könnte es sein, dass Erdogan den Islam nun als Vehikel benutzt, um die Türkei als islamische Vormacht in einer instabilen, ebenfalls islamischen Region zu installieren?

So weit würde ich auf keinen Fall gehen. Erdogan und seine Umgebung sind fest im Islam verwurzelt. Erdogan ist ein in der Wolle gefärbter Machtpolitiker. Zur Festigung und dem Ausbau seiner Macht ist ihm, ich übertreibe da nun sicher, jedes Mittel recht, auch der Islam.

Eine Meinungsumfrage ergab, dass nur ein Viertel der Befragten die Proteste unterstützt und die Hälfte der Wähler Erdogans AKP weiter unterstützt.

Außerhalb von Istanbul, Ankara oder Izmir leben immer noch viele Menschen, die nie die Weltoffenheit der Großstädte erlebt und die immer noch die aus dem Osmanischen kommende klassische Obrigkeitshörigkeit haben. Diese Mentalität ist in der Türkei noch sehr stark verbreitet. Aber der positive Ansatz der Ereignisse in Istanbul ist eben, dass da jetzt eine junge Generation aufsteht und sagt: Schluss damit, wir wollen eine Zivilgesellschaft haben in einer Demokratie.

Wenn das so ist, spricht ja alles dafür, dass am Ende der Protest gewinnt, denn die Türkei ist ja nicht nur eine dynamische, sondern auch eine sehr junge Nation.

Ja, ich bin überzeugt davon, dass das, was jetzt geschieht, der Anstoß für eine unglaublich wichtige, positive Entwicklung auch in Richtung Europa sein kann.

Das Gespräch führte Gerd Appenzeller.

Edzard Reuter (85) wurde in Berlin

geboren und wuchs

in der Türkei auf.

Von 1987 bis 1995 war der Sozialdemokrat Vorstandsvorsitzender von

Daimler-Benz.

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