Politik : Das laute Trotzdem

Von Malte Lehming

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Um Kinder in die Welt zu setzen, muss ein Mensch naiv oder wahnsinnig sein, am besten beides. Kinder bedeuten lebenslanges Risiko, einen Aufbruch in die Unversicherbarkeit. Sie sind der „Beginn eines großen Abenteuers“, wie Lou Reed mit rauchiger Stimme fröhlich singt. Wer sein Schicksal kontrollieren möchte, sollte kinderlos bleiben. So einfach ist das – und so ewig wahr.

In Deutschland werden kaum Kinder geboren. Unter 190 Staaten rangiert das Land mit seiner Geburtenrate auf Platz 185. Das Erschreckende an dem Befund: Am Geld kann’s nicht liegen. Mit ihren Ausgaben für die Familien liegt die Bundesrepublik an der Spitze der Industrienationen. Seit Jahren lässt sich ein kurioser Trend beobachten: Der deutsche Staat übernimmt immer größere Anteile an den Kinderkosten, aber immer weniger Kinder kommen zur Welt.

Das zu verstehen, fällt nicht leicht. Dabei gibt es eine Erklärung. Vielleicht hängt das eine mit dem anderen ja zusammen. Schließlich suggeriert die Familienpolitik allen potenziellen Eltern, dass Kinder in erster Linie ein materielles Problem darstellen, das sich durch entsprechende Maßnahmen und Großzügigkeiten beheben lässt. Die Diskussion dreht sich um Elterngeld und kostenlose Kitas, um Leistungen und Erleichterungen. Das klingt plausibel, weil sich Belastungen durch Kinder natürlich abfedern lassen. Gleichzeitig jedoch wird die Anspruchsmentalität gefördert, das Kosten-Nutzen-Kalkül. Das wiederum hält rational gesteuerte und materiell orientierte Menschen vom Kinderkriegen ab.

Nicht ausgeschlossen also, dass Demografiehistoriker über unsere engagierten Familienpolitiker einst mitleidig urteilen werden. Sie hätten das Gute gewollt und das Schlechte geschaffen. Der gesunde Menschenverstand scheint bereits heute zu diesem Ergebnis zu kommen. Eine große Mehrheit der Deutschen meint, das Elterngeld bringe nichts. Wenn das so ist: Als Anreiz zum Kinderkriegen könnte es sogar kontraproduktiv sein. Es bevorzugt die Wohlhabenden und benachteiligt die Bedürftigen. Die Reichen werden motiviert, die Armen abgeschreckt. Womöglich wird eine minimal ansteigende Geburtenrate der Gutsituierten die rapide sinkende der Geringverdiener nicht ausgleichen. Sprich: Das Elterngeld führt dann netto zu noch weniger Kindern.

Glaube, Liebe, Kinder – das instrumentelle und materielle Denken führt in allen drei Bereichen schnurstracks in die Sackgasse. Wer an ein höheres Wesen glaubt, weil er sich Vorteile davon verspricht, endet als Zweifler. Wer liebt, um sich selbst einen Gefallen zu tun, scheitert. Wer Kinder in die Welt setzt, ohne verzichten zu wollen, wird unglücklich.

Theologen und Politiker, die das nicht berücksichtigen, reden und handeln verantwortungslos. Denn diese Einsichten haben es schwer, Gehör zu finden. Eine Glaubensindustrie wirbt aggressiv mit Untersuchungen, die den Nutzen der Religion belegen sollen. Auf dem Liebesmarkt wird die Vernunftehe wieder entdeckt, in der Gefühle nebensächlich sind. Und die Kinderdebatte kreist allein um Kosten, Karriere und Kassenbeiträge.

Ein Idealist ist, wer Dinge um ihrer selbst willen tut. So etwas gibt es gar nicht, rufen ihm spöttisch die Zweckrationalisten zu. Jeder denke stets an sich, und Geld regiere die Welt. Glaube, Liebe, Kinder beweisen das Gegenteil. Sie sind das lauteste Trotzdem, das es gibt.

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