Politik : Das Leben nach den Taliban

Elke Windisch

Moskau. In und um Afghanistan sei eine "nicht einfache Situation" entstanden, begründete Verteidigungsminister und Putin-Intimus Sergej Iwanow seinen überraschenden Besuch in der tadschikischen Hauptstadt Duschanbe am Sonntagabend. Ursprünglich wollten nur Iwanow und Geheimdienstchef Nikolaj Patruschew sich mit der politischen Führung der Nordallianz um den 1996 von den Taliban aus Kabul vertriebenen Präsidenten Burhanuddin Rabbani beraten. Doch statt auf Moskau nahm die Sondermaschine Putins, der sich am Rande des Schanghai-Forums mit Bush getroffen hatte, ebenfalls Kurs auf Duschanbe. Dort fand ein mehrstündiger Dreiergipfel statt, an dem neben Putin und Rabbani auch Tadschikenpräsident Imomali Rachmomnow teilnahm.

Zum Thema Online Spezial: Terror und die Folgen
Themenschwerpunkte: Gegenschlag - Afghanistan - Bin Laden - Islam - Fahndung
Fotostrecke: Bilder des US-Gegenschlags Wichtigstes Thema: Die afghanische Regierung nach dem Ende der Taliban. Deren Konfiguration droht zur ersten Bewährungsprobe für die von Washington aus dem Boden gestampfte Anti-Terror-Koalition zu werden: Nato, Russland, Pakistan und bedingt Iran sind ein höchst uneinheitliches Gespann und vertreten in der Region teilweise einander ausschließende Interessen. Wichtigstes Ziel der Taliban-Gegner seien demokratische Wahlen und die Selbstbestimmung des afghanischen Volkes über seine eigene Zukunft, erklärte Rabbani nach dem Gipfel. Andere Staaten dürften diesen Prozess lediglich unterstützen. Einmischung von außen, die schon den Taliban in die Steigbügel geholfen habe, würde nur neue Spannungsherde schaffen.

Kategorisch schloss Rabbani jede Beteiligung der Taliban an einer Übergangsregierung aus. Ähnlich äußerte sich auch Rachmonow. Seinen Worten nach teilt auch Bundesaußenminister Joschka Fischer diesen Standpunkt, mit dem er kurz zuvor konferiert hatte. Putin pflichtete beiden Kollegen bei: Auch der gemäßigte Flügel der Taliban habe sich durch Zusammenarbeit mit dem internationalen Terrorismus kompromittiert, die Bewegung müsse als militärische und politische Kraft neutralisiert werden. Bush und US-Staatssekretär Colin Powell hätten dafür "Verständnis gezeigt".

Verständnis aber bedeutet nicht zwingend Einverständnis. Daher konkurrieren gegenwärtig zwei Konzepte miteinander, die sich kaum unter einen Hut bringen lassen. Stabilität, die den Terroristen die Handlungsgrundlage entziehen würde, ist nur mit einer Regierung möglich, in der die Paschtunen entsprechend ihrem Anteil von rund 55 Prozent an der Gesamtbevölkerung Afghanistans vertreten sind und die das Land vor der sowjetischen Invasion regierten. Deren Eliten aber sind oder waren von wenigen Ausnahmen abgesehen, mit den Taliban liiert, von denen sie sich die Rückkehr zum alten Status quo erhofften.

Washington und Pakistan, das mit Rücksicht auf die eigenen Paschtunen eine neue Minderheitsregierung des Nordens in Kabul nicht duldet, entwickeln daher hinter den Kulissen hektische Betriebsamkeit: Zum einen soll ein Teil der Sitze in dem von Exkönig Zahir Schah zu bildenden Einheitsrat an gemäßigte Taliban gehen. Um die beginnende Spaltung der Bewegung zu forcieren, werkelt der pakistanische Geheimdienst ISI zudem eifrig an einem Paschtunen-Aufstand im Südwesten Afghanistans, wo die Taliban nie recht Fuß fassen konnten. Eben diese Formationen, darunter auch eine königstreue Einheit, soll auch die Nordallianz in Schach halten, wenn deren Führer entgegen der mit dem König getroffenen Abmachungen Kabul stürmen, bevor eine Koalitionsregierung steht.

Am heutigen Dienstag wird Putin in Moskau mit dem französischen Ministerpräsidenten Lionel Jospin unter anderem über eine Zusammenarbeit im Kampf gegen den Terrorismus zusammenkommen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben