Politik : Das letzte Gefecht des Generals

Musharraf angeblich bereit: Gespräche über gesichtswahrenden Ausstieg / Lage im Land chaotisch

Christine Möllhoff[Neu-Delhi]

Es scheint nur noch eine Frage von Tagen. Angeblich ist Pakistans Präsident Pervez Musharraf nun doch bereit, zurückzutreten, um einem Rauswurf in Schimpf und Schande zuvorzukommen. Derzeit verhandelten seine Getreuen mit der zivilen Regierungskoalition über einen sicheren und einigermaßen gesichtswahrenden Ausstieg für den 65-Jährigen. Vertreter der Muslimliga und der Volkspartei PPP, die die Regierung führt, bestätigten die Gespräche am Freitag. Tatsächlich steht Musharraf mit dem Rücken zur Wand.

Berichten zufolge besteht er darauf, dass er nicht strafrechtlich verfolgt wird und in Pakistan bleiben kann. Dagegen sperrt sich Nawaz Sharif von der Muslim-Liga. Musharraf hatte den damaligen Regierungschef 1999 in einem unblutigen Putsch entmachtet. Nun will Sharif seinen Erzfeind vor Gericht sehen. Aber das mächtige Militär will eine solche Demütigung seines früheren Chefs nicht hinnehmen. Die zivile Regierung will nächste Woche ein Verfahren zur Amtsenthebung gegen Musharraf beginnen. Drei von vier Provinzparlamenten haben sich bereits gegen ihn gestellt.

Es ist einsam geworden um den Militärherrscher, dem die Menschen 1999 noch zugejubelt hatten. Über Jahre war er der wichtigste Verbündete der USA im Anti-Terror-Kampf. Doch nun nimmt US-Präsident George W. Bush angeblich nicht einmal mehr seine Anrufe entgegen, Getreue setzen sich von ihm ab und durch die Straßen schallt es „Go, Musharraf, go“. Auch auf seine alte Machtbastion, das Militär, kann er nicht hoffen. Der neue Armeechef Ashfaq Kayani will sich aus der Politik heraushalten.

Seit er Ende 2007 als Militärchef zurücktrat, ist Musharraf faktisch machtlos und hielt sich nur noch, weil die USA ihn stützen. Vor zwei Wochen hatte Bush seinen alten Kumpel jedoch fallenlassen und damit sein politisches Ende eingeläutet. Als machtloser Präsident war er für die USA nicht mehr wichtig. Als die starken Männer Pakistans gelten nun Asif Ali Zardari, der die Bhutto-Partei PPP führt, Sharif und Armeechef Kayani.

Dass die Ära Musharraf dem Ende zuzugehen scheint, sieht man im Nachbarland Indien mit Sorge. Indiens oberster Sicherheitsberater M. K. Narayanan warnte, Pakistan könne in ein politisches Machtvakuum stürzen. Musharrafs Rücktritt hinterließe „ein großes Vakuum und wir sind sehr besorgt, dass dieses Vakuum dazu führt, dass radikale Extremisten freie Hand haben“, sagte er.

Tatsächlich scheint der neuen zivilen Regierung die Kontrolle über das Land zu entgleiten. Sechs Monate nach den Wahlen gleicht der Atomstaat einem Pulverfass. Die Taliban breiten sich immer mehr aus und haben ganze Regionen unter ihrer Herrschaft. Vor den Kämpfen im Nordwesten des Landes sind mehr als 100 000 Menschen geflohen. Das Innenministerium teilte am Freitag mit, allein diese Woche seien mehr als 460 militante Islamisten getötet worden. Zugleich geht die Wirtschaft den Bach runter. Die Teuerung bei Lebensmitteln liegt bei 31 Prozent. Selbst in der Hauptstadt Islamabad fällt der Strom inzwischen jeden Tag sechs Stunden aus. Doch Pakistan hat noch nicht mal einen Finanzminister.

Zudem scheinen Kräfte zu erstarken, die auf Konfrontationskurs zum alten Erzfeind Indien steuern wollen. Indien wirft Pakistans Geheimdienst ISI vor, in den Anschlag auf die Indische Botschaft in Kabul im Juli verstrickt zu sein. Immer häufiger verletzen pakistanische Soldaten die Waffenruhe an der „Line of Control“, die die umstrittene Himalaja-Region Kaschmir trennt.

Das Verhältnis zwischen den beiden benachbarten Atomstaaten ist gereizt wie seit Jahren nicht mehr. Auch Afghanistan ist sauer. Kabul macht Islamabads weichen Kurs gegen die Extremisten für die wachsende Zahl von Terroranschlägen am Hindukusch verantwortlich.

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