• Das Loch zwischen Forschung und Versorgung - "Kooperation verbessern", meint Gesundheitministerin Fischer

Politik : Das Loch zwischen Forschung und Versorgung - "Kooperation verbessern", meint Gesundheitministerin Fischer

Rosemarie Stein

Als "Kongress der Wahrhaftigkeit und der Transparenz" bezeichnete der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft, Professor Lothar Weißbach, den am Montag im Berlin ICC eröffneten 24. Deutschen Krebskongress. Früher hätten die Krebsspezialisten den Ärzten wie den Laien versichert, im jeweils nächsten Jahr werde sich durch die Fortschritte der medizinischen Forschung die Heilung der Krebskrankheiten grundlegend verbessern. Jetzt müsse man offen sagen, dass etwa die Gentherapie derzeit nicht mehr sei, als eine Hoffnung. Während ihrer viertägigen Konferenz wollen rund 5000 Experten aus dem In- und Ausland über neue Strategien bei der Bekämpfung von Tumorerkrankungen beraten.

Bessere Heilungschancen für die Patienten erwartet die Deutsche Krebsgesellschaft vor allem von einer organisierten Zusammenarbeit der verschiedenen medizinischen Fächer bei der Behandlung jedes einzelnen Krebskranken. Die Politik steht hinter dieser - nicht leicht zu erfüllenden - Forderung. Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer will diese enge Kooperation durch entsprechende Rahmenbedingungen und durch Modellversuche im Rahmen der Versorgungsforschung fördern. Ziel sei es, das jeder einzelne Krebspatient nach dem letzten Stand der medizinischen Erkenntnisse behandelt wird. Wichtig sei auch eine zielgruppenorientierte Vorsorge, die Risikofaktoren wie Rauchen, Alkohol und falsche Ernährung berücksichtige. Auf die "klaffende Schlucht" zwischen Forschungs- und Versorgungsrealität hatte Professor Karl-Heinz Kurth von der europäischen Krebsinstitution EORTC in Amsterdam hingewiesen.

Das Programm des Jubiläumskongresses - die Deutsche Krebsgesellschaft ist gerade 100 Jahre alt geworden - fand die Zustimmung von Ministerin Fischer. Zum einen wegen des "Forums für Alle", wo Krebspatienten als Experten in eigener Sache auf dem Podium sitzen werden, und zum anderen wegen der selbstkritischen Thematik. "Wie gut sind wir wirklich?", heißt zum Beispiel eine Veranstaltung.

Die Qualitätssicherung sei "die Schlüsselfrage für die Gesundheitspolitik der Zukunft". Eine wissenschaftlich gesicherte, anerkannten Leitlinien folgende Prävention, Therapie und Rehabilitation werde in jeder Weise politisch gefördert, sagte Andrea Fischer. Die Ergebnisse von Qualitätsvergleichen solle die Ärzteschaft aber auch offen legen: "Wenn Sie es nicht tun, dann werden es Andere tun". Das Informationsbedürfnis gerade der Krebspatienten sei enorm. Als Beispiel verwies sie auf Tausende von Anrufen beim telefonischen Krebsinformationsdienst des Heidelberger Krebsforschungszentrums, als kürzlich ein spezielles Krebsschmerztelefon eingerichtet wurde. Dabei habe sich gezeigt, das selbst viele Ärzte auch heute noch mangelhafte Informationen über die wirksame Linderung von Krebsschmerzen mit Opiaten hätten. "Lotsendienste" für Ratsuchende befürwortete auch die neue Präsidentin der Deutschen Krebshilfe, die thüringische Kultusministerin Professor Dagmar Schimanski.

In Berlin, wo jeder 20. Krebskranke Deutschlands lebt, scheint die Situation besser zu sein als in anderen Orten. Sozialsenator Gabriele Schöttler und Professor Klaus Peter Hellriegel, Präsident der Berliner Krebsgesellschaft, erinnerten daran, dass es in der Stadt sieben Kliniken gibt, die sich Dank verschiedener mit Krebskrankheiten befasster Fachabteilungen "Tumorzentrum" nennen können. Auch die Zusammenarbeit zwischen den Selbsthilfegruppen Krebsbetroffener sei gut, und die Berliner Krebsgesellschaft gebe Auskunft über Ärzte und Krankenhäuser, die für einen bestimmten Patienten besonders geeignet seien. Die Deutsche Krebsgesellschaft hat, wie Weissbach bestätigte, eine Kommission zur Zertifizierung von Krankenhäusern und Ärzten gegründet, um die Qualität der Krebstherapie transparent zu machen. Er räumte ein, das die auf Widerstand stößt.

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