Politik : Das Machtwort

Robert Birnbaum

Foto: Rückeis / Montage: DP

HINTER DEN LINDEN

Der Neandertaler hatte alles versucht, aber die Horde hörte einfach nicht zu. Er hatte wilde Grimassen gezogen – vergebens, sie redeten durcheinander. Er hatte das Mammutzahnhorn geblasen – sie guckten kurz auf, tippten sich an die Stirn und palaverten weiter unverdrossen. Er hatte den einen oder anderen gestupst, gar gehauen – sie schüttelten ihren Pelz und kümmerten sich nicht. Da kam dem Neandertaler eine Eingebung. Er stellte sich in ihre Mitte, hob bedeutungsvoll die Hände gen Himmel, guckte dem Frechsten scharf in die Augen – und sprach ein Machtwort. Sofort war Ruhe.

Das Blöde an der Geschichte ist, dass heute niemand mehr weiß, welches Wort das war. Es ist nämlich ganz falsch zu glauben, jedes Wort habe Macht. Schon unser Nachwuchs lernt bei der Harry-Potter-Lektüre, dass nur das richtige Wort ein Machtwort ist, während falsche oder falsch ausgesprochene statt des erwünschten Hilfsgeistes bloß unerquickliches Durcheinander erscheinen lassen: Einen Sack voll vampirzähnigen Nacktschnecken zum Beispiel.

Doch welches ist das richtige Wort? Die Magier des Mittelalters sind bei der Suche nicht recht weiter gekommen, die Zauberer Ägyptens und Mesopotamiens haben vergebens Kauderwelsch gemurmelt, die Schamanen Sibiriens grummeln verlegenheitshalber unverständliches Zeugs, sogar die weisen Fakire Indiens haben sich resigniert aufs Flötenspiel verlegt. Sie können wenigstens den Schlangen Flötentöne beibringen. Aber das Wort, das magische Wort, das die Macht hat, die Kakophonie der Welt zum Verstummen zu bringen – es ist vergessen und verloren. Nicht mal der Kanzler kennt es. Na ja, macht nichts.

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