• Das Mea Culpa war richtig - doch Ratzinger zeigt, wie viel Angst die Kirche noch hat (Kommentar)

Politik : Das Mea Culpa war richtig - doch Ratzinger zeigt, wie viel Angst die Kirche noch hat (Kommentar)

Raoul Fischer

Der Glaube ist ein Programm gegen die Angst. Das heißt nicht, dass Christen keine Angst mehr haben. Aber die Angst soll keine Macht über sie haben, sagt der Fundamentaltheologe Peter Knauer aus Frankfurt. Diese Unerschrockenheit ist ein Charaktermerkmal von Karol Woityla - gegenüber Freund und Feind. Weder ein Attentat noch seine schwere Krankheit oder unverhohlenen Feindschaft haben Papst Johannes Paul II. je abgehalten, zu tun, was er für richtig hielt. Wie zuletzt bei dem strapaziösen Besuch des Katharinen-Klosters auf der Sinai-Halbinsel. Dessen orthodoxe Mönche hatten von vorneherein deutlich gemacht, wie wenig willkommen ihnen der Besuch des Oberhauptes der römisch-katholischen Kirche sei. Der Papst kam trotzdem.

Das Mea Culpa ist ebenfalls ein Zeichen seiner Unerschrockenheit. Am gestrigen Sonntag bat das Oberhaupt der katholischen Kirche um Verzeihung für die Sünden der Kirche. Der Papst macht sich klein. Und darin steckt Größe. Er übernimmt Verantwortung für das, was Menschen im Namen Gottes getan haben und folgt darin Jesus Christus. Das schwächt nicht die Position des Papstes, es stärkt sie. Wer die eigenen Fehler erkennt und zugibt, kann liebevoll und konstruktiv mit denen anderer umgehen.

Viele Menschen haben auf dieses Zeichen gewartet. Es macht die Kirche nicht angreifbarer, aber greifbarer. Es macht sie irdischer. Und auch das gehört zum Programm Jesu. Der Unerschrockenheit des Papstes steht die Erschrockenheit seines obersten Glaubenswächters gegenüber. Joseph Kardinal Ratzinger, Präfekt der Glaubenskongregation, hatte Bedenken, das große Mea Culpa des Pontifex könnte die Autorität des Papstes in Fragen des Glaubens und der Moral unterminieren. Eine Theologenkommission unter Ratzingers Leitung hat ein Dokument erarbeitet: eine Gebrauchsanweisung, wie das Mea Culpa des Papstes verstanden werden soll. So soll Missbrauch durch "Kirchenhasser" oder Medien vorgebeugt werden.

Ein ungewöhnlicher Schritt. Ein Akt des Papstes wird durch ein Schreiben der Glaubenskongregation erklärt und eingeschränkt. Ein Dokument der Angst. Niemand hätte dem kirchlichen Lehramt das Recht bestreiten können, Glaubensfragen für Katholiken zu klären. Aber das Mea Culpa des Papstes hätte eine Diskussion ermutigt. Nicht zuletzt darüber, wie man mit Andersdenkenden in den eigenen Reihen umgeht. Wie die behandelt werden sollen, die in den Augen der Kirche schuldig geworden sind.

Johannes Paul II. hat sein Mea Culpa gesprochen. Bedauerlich, dass Kardinal Ratzinger und seine theologischen Hofschreiber von vorneherein versucht haben, den Wein in Wasser zu verwandeln. Wer von der Angst beherrscht wird, kann nicht überzeugen. Und keine großen Zeichen setzen.

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